Gefährdetes Kulturgut

In Köln stürzte vor fünf Jahren das Stadtarchiv ein und wertvolle Dokumente gingen unwiederbringlich verloren. Auch kirchliche Archive sind bedroht, etwa das des Berliner Doms

Von Tilman Asmus Fischer

Eine unerwartete Szene bot sich dem Betrachter frühmorgens am Rosenmontag dieses Jahres in Köln: Oberbürgermeister Jürgen Rothers stand mit dunkel gekleideten Vertretern von Stadt und Presse vor Bauzäunen und richtete die Schleifen zweier großer Kränze. Hinter den Bauzäunen klafft heute ein Krater – an der Stelle, wo einst Kölns Stadtarchiv stand. Auf den Tag vor fünf Jahren war es zusammengebrochen, verursacht durch den Bau einer U-Bahnlinie.

Neben der menschlichen Katastrophe – zwei Jugendliche starben bei dem Einsturz – bedeutet das Unglück auch einen enormen kulturellen Verlust, waren die hier aufbewahrten Archivgüter doch von überregionaler Bedeutung. Zwar konnte der Bestand größtenteils geborgen werden, doch ist er nicht nur in völlige „Unordnung“ geraten: Die von der Stadt Köln, dem Erzbistum und der Evangelischen Kirche im Rheinland gegründete „Stiftung Stadtgedächtnis“ geht nach Angaben des Historischen Archivs von 100 Prozent Restaurierungsbedarf aus, davon 35 Prozent bei schwersten Schäden – nur bei 15 Prozent könne von leichten Schäden die Rede sein. Das macht 6 300 Personenjahre Restaurierungsaufwand und 350 Millionen Euro Restaurierungskosten, zu deren Aufbringung die Stiftung beitragen soll.

Die Kirchen beteiligen sich aus gutem Grund an der Krisenbewältigung – immerhin sind Quellen von kirchengeschichtlicher Bedeutung im Erhalt bedroht: „Die Akten der Stifte und Klöster sind mit dem Magazingebäude zusammengestürzt, da sie sich dort im dritten oder vierten Stock befanden. Die entsprechenden Urkunden dagegen wurden unterhalb des Verwaltungstraktes in den Kellerräumen aufbewahrt und konnten alle gerettet werden“, berichtet Klaus Militzer. Der emeritierte Historiker der Universität Bochum war Referent am Historischen Archiv der Stadt Köln und gilt als Spezialist auf dem Gebiet der rheinischen Kirchengeschichte.

Er verweist auf die überregionale Bedeutung der Quellen: „Das Domkapitel, aber auch andere kirchliche Institutionen haben europaweite Verbindungen gehabt und gepflegt, wie etwa anhand der Universitätsmatrikel zu ermitteln ist.“ Somit betrifft die Kölner Katastrophe nicht nur einen kleinen Kreis landeskundlich Interessierter, sondern mithin die Geschichte europäisch-christlicher Kultur und Identität. Und nicht nur das: Der Historiker Stefan Lafaire, Vorsitzender der Stiftung Stadtgedächtnis, verweist auf die aktuelle Ukraine-Krise. Sie zeige, „wie wichtig historisches Bewusstsein ist und welche Bedeutung der Zugang zu Quellen für aktuelle Politik haben könnte“.

Das wirft ein größeres allgemeines Problem auf: Die Sicherheit und Sicherung von Archiv- und damit Kulturgut in staatlichen und kirchlichen Archiven. Normalerweise sind es eher Mängel in der sachgemäßen Lagerung und Konservierung, die Archivgut bedrohen – Köln macht jedoch die verheerenden Folgen deutlich, die der Verlust von Akten und Urkunden nach sich zieht. Dieses allgemeine Problem ist bereits als solches begriffen worden; 2011 wurde auf Bundesebene die „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ ins Leben gerufen, die an Lösungsstrategien arbeitet und entsprechende Modellprojekte unterstützt.

Neuerlich sensibilisiert ein Fall in Berlin für die Notwendigkeit einer bundesweiten Strategie zur Archivgut-Sicherung: Unlängst machte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz aufmerksam auf seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende, gravierende Schäden im Archiv des Berliner Doms. Das Magazin „Monumente“ berichtet selbst von „Schimmel“ und „Zerfall durch den hohen Säuregehalt der Papiere“. Gegenüber der Zeitschrift der Denkmalschutz-Stiftung verwies EKD-Präses Irmgard Schwaetzer auf die Bedeutung des Archivs für „künftige Generationen“: „Auf der Grundlage unseres Archivs können neben architektonischen und kunstgeschichtlichen kirchengeschichtliche Fragen geklärt werden, um dieses Bauwerk und die Zeit, in der es errichtet wurde, zu verstehen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 19, 11. Mai 2014.

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