Ein politischer Christ

Ein Buch erzählt das Leben von Thomas Müntzer, dem Zeitgenossen und Widersacher Luthers

Von Tilman Asmus Fischer

Warum führte der Mystiker die Bauern in den Krieg? Die Frage, die Ulrike Strerath-Bolz im Untertitel ihrer Müntzer-Biografie aufwirft, trifft den Kern der Probleme, die wir heute mit Luthers Zeitgenossen und Widersacher haben. Und dies in doppelter Hinsicht: Als historische Frage nach den Ursachen seiner Radikalisierung – und als verzweifelter Ausruf: Warum nur? Warum kann er uns nicht einfach ein Streiter für die Armen und Geknechteten sein – warum diese Gewalt?

Diesen gordischen Knoten zu lösen, vermag das Buch nicht – doch trägt es in der Luther dominierten Reformationsdekade zur Kenntnis darüber bei, welche alternativen Konzepte jenseits von Wittenberg bestanden, wenn sie sich auch nicht durchzusetzen vermochten. Immer wieder kommen im Buch theologische Differenzen zur Sprache – vor allem Müntzers Kritik am lutherischen Schriftprinzip, das in seinen Augen der persönlichen Gotteserfahrung keinen Platz lässt.

Das eigentliche Augenmerk liegt jedoch auf dem politischen Zwist beider Reformatoren: Dem unter politischer Rücksichtnahme reformierenden Luther und dem radikalen, unduldsamen Geist Müntzer. Dieser Kontrast berührt in elementarer Weise den diesjährigen Schwerpunkt des Reformationsjubiläums: Reformation und Politik. Denn das Buch dokumentiert nicht nur die Radikalisierung eines Reformators, sondern legt ein Verständnis von politischem Christentum offen, das uns heute fern ist. Dabei lässt die Autorin eine extensive Textkenntnis erkennen, die es ihr ermöglicht, Müntzer an der richtigen Stelle gut dosiert selbst zu Wort kommen zu lassen.

Sicher, vieles lässt sich auf Müntzer zurückführen – die Autorin gibt Beispiele: „Wenn Christen sich heute für Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung, gegen Ausbeutung und Diskriminierung, für soziale Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit einsetzen, dann stehen sie damit, bei aller Wachsamkeit gegen seine Irrwege, auch in seiner Tradition.“ Dies scheint auf den ersten Blick aus unserer Perspektive plausibel – der Perspektive einer Kirche die sich gezielt zu Wort meldet, wo sie Missstände erkennt, ohne das System in Frage zu stellen. Wer jedoch den Beobachtungen von Ulrike Strerath-Bolz folgt, sieht, dass Müntzers Haltung aus einer umfassenden, fundamentalen Perspektive erwächst: Für ihn ist die politische Herrschaft der Fürsten gottgegeben, aber geknüpft an die Aufgabe, Gottes Gesetz zu halten. „Wo sie aber das nicht tun, so wird ihnen das Schwert genommen werden, denn sie bekennen ihn also mit den Worten und leugnen ihn mit der Tat“ – diese Worte führen in den Bauernkrieg, den Müntzer anheizt, in den er selbst zieht.

Das politische Wirken als Christ erstreckt sich bei Müntzer nicht auf einzelne Interventionen, sondern droht, den Regenten an sich in Frage zu stellen. Woran erinnert das? „Die spezifische politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.“ Auf diese radikale Formel hat Carl Schmitt 1932 heruntergebrochen, was „das Politische“ ist. Wenn Ulrike Strerath-Bolz diese Parallele auch freilich nicht formuliert: Hätte Müntzer im 20. Jahrhundert gelebt, seine Gedanken hätten von diesem schillernden Denker inspiriert sein können. Denn in genau diesem radikalen Sinne ist Müntzer ein politscher Christ. Hiermit hat er sich nicht durchsetzen können, wofür man rückblickend dankbar sein kann. Nichtsdestotrotz hat er mit seinem Wirken und Denken zu Lebzeiten auf den Verlauf der Reformation eingewirkt. Diesen kirchen- wie geistesgeschichtlich relevanten Beitrag herausgearbeitet und in Erinnerung gerufen zu haben, ist das Verdienst der Neuerscheinung.

Ulrike Strerath-Bolz: Thomas Müntzer. Warum der Mystiker die Bauern in den Krieg führte. Wichern-Verlag 2014, 144 Seiten, Hardcover. 14,95 Euro.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 18, 4. Mai 2014

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