Die Gedanken waren frei

Staatssekretär Christoph Bergner: Kirche verlor die Kraft der Wendejahre

Von Tilman Asmus Fischer

An eine Zukunft als Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Innenministerium (2005 bis 2013) dachte Christoph Bergner nicht, als er sich 1990 bei der CDU in Halle an der Saale um ein Landtagsmandat bewarb. Damals war es schlicht die Verärgerung über den Antritt eines Funktionärs aus DDR-Zeiten, die ihn zu einer Gegenkandidatur bewog. Es folgte der Einzug in den Landtag, die Ernennung zum bildungspolitischen Sprecher und 1993 die Wahl zum Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt.

Bereits vor der Friedlichen Revolution, in der er den Gründungsaufruf des Neuen Forums unterzeichnete und weiterverbreitete, gehörte Christoph Bergner der CDU an, damals freilich der Ost-CDU. Für ihn eine Form des „christlichen Bekenntnisses im marxistischen Staat“. Sich in der Block-Partei zu engagieren, lag ihm fern, doch half ihm seine Mitgliedschaft als Rechtfertigung, wenn er sich etwa im Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) kritisch bei politischen Lehrgängen zu Wort meldete.

Freien Gedankenaustausch fand der Protestant Bergner hingegen während der Schulzeit und Ausbildung zum Rinderzüchter in der lutherischen Gemeinde in Saalfeld – später als Student der Agrarwissenschaften in der Evangelischen Studentengemeinde in Halle. Dass die Kirche in der DDR die Funktion einer, wenn nicht der einzigen, „freien politischen Plattform“ erfüllt habe, würdigt Christoph Bergner heute als „einen wichtigen Dienst an der Gesellschaft“.

Umso betrüblicher sei es, dass die Kirchen in den östlichen Bundesländern nicht die Kraft der Wendejahre verstetigen konnten; es genüge ein Blick in die Statistiken zur Kirchenbindung: „Keine Bewusstseinsfrage ist so unterschiedlich im Ost-West-Vergleich“, sagt Bergner, der – seit 2002 Mitglied des Bundestages – von 2011 bis 2014 das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer innehatte.

Zwar ist für ihn ohnehin fraglich, ob überhaupt „aus den vollen Kirchen der Wende-Zeit volle Kirchen in der Nachwende-Zeit werden konnten“. Doch kann er aus seiner Erfahrung zwei klare Kritikpunkte festmachen: Zum einen hätte die Kirche unmittelbar nach der Einheit Chancen zur Stärkung des kirchlichen Lebens vertan. Dies erlebte er in Sachsen-Anhalt, wo die Kirchenprovinzen Anfang der 1990er lieber über die Sinnhaftigkeit des westdeutschen Bildungssystems diskutiert hätten, so Bergner, als die ihnen eingeräumte Chance zu nutzen, sich als freie Träger für Schulen zu bewerben.

Zum anderen gibt Bergner zu bedenken, dass die evangelische Kirche zu spät begriffen habe, dass sie im vereinten Deutschland „die Funktion, politische Plattform zu sein, nicht mehr wahrnehmen muss“. Er bedauert die innerkirchliche „Dominanz säkularer Themen, bei denen die Kirche kaum Alleinstellungsmerkmale aufweisen kann“.

Doch gibt Christoph Bergner die Hoffnung nicht auf und bewundert Altbischof Axel Noack, der unlängst in einem Interview erklärte: „Ich weiß es nicht, was kommt. Aber man soll mir erst mal einen Betrieb zeigen, der zweitausend Jahre Bestand hat!“

Dieses Vertrauen prägt auch Bergners politische Haltung. Die Weltverbesserung möchte er gerne „im Schatten der Reichsgottes-Hoffnung sehen“. Dies ist eine demütige Haltung, jenseits des Mainstreams, in dem sich für Bergner der „Gedanke der Emanzipation verselbstständigt hat“ – beispielsweise in Fragen der Vereinbarkeit von Ehe undBerufskarriere. Hier etwa wünscht sich der Christdemokrat die „Kraft, das Unvollkommene anzunehmen“, und die Einsicht, dass die Selbstverwirklichung in der unerlösten Welt auch Grenzen haben kann. In diesem Sinne konservativ zu sein, bedeutet für ihn jedoch nicht „Beharrungskraft“, sondern das Vertrauen darauf, dass „Dein Reich komme“.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 14, 6. April 2014.

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