1000 Jahre Kirche und Krone

Wie politisch ist Kirche und soll sie es sein? Diese Fragen treiben uns im Themenjahr „Reformation und Politik“ um. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Unsere Kirchen stehen in einer höchst politischen vorreformatorischen Tradition. Dabei bestimmten zwei Tendenzen das Verhältnis von Kirche und Politik: Zum einen eine wechselseitige Abhängigkeit – politische Herrschaft wurde religiös legitimiert, während die Herrscher die Kirche absicherten. Zum anderen ein Streben nach autonomen Entscheidungen und selbstständiger Machtpolitik.

Christen galten dem Imperium Romanum als Staatsfeinde, verweigerten sie doch dem Kaiser die kultische Verehrung. Da bedeutete die Mailänder Vereinbarung von 313 für die junge Kirche eine radikale Aufwertung. Mit ihr stellte Kaiser Konstantin das Christentum den anderen Kulten gleich. Zudem ließ sich der Kaiser selbst am Lebensende taufen. Damit begab sich die Kirche freilich in neue Abhängigkeiten und wurde zu einem Instrument der Politik. Kaiser Theodosius I. fuhr bereits in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts einen eindeutig antiheidnischen Kurs.

So wurde das Christentum vom byzantinischen Kaiser protegiert. 400 Jahre später war sie selbst in der Lage, mit der Krönung Karls des Großen am Weihnachtsfest des Jahres 800 ein ‘eigenes’ Kaisertum zu begründen. Einerseits hatten sich im achten Jahrhundert der Papst in Rom und der Kaiser in Byzanz zunehmend entfremdet. Andererseits befand sich das römische Machtzentrum in unsicherer Lage: Bereits Mitte des achten Jahrhunderts musste der Frankenkönig um Beistand gegen die einfallenden Langobarden gebeten werden. Die Erhebung Karls zum Kaiser von Papstes Gnaden war Legitimation zu einer Politik, aufgrund derer der Franke heute als ‘Vater Europas’ gilt.

Doch auch mit dem neuen Kaisertum musste Rom immer wieder aufs neue Macht und Kompetenzen aushandeln. Um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert entbrannte – vor allem unter Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. – der Investiturstreit über die Frage der Einsetzung von Bischöfen; eines päpstlichen Rechts, auf das der Kaiser jedoch zunehmend Einfluss nahm. Heinrich ging nach seiner Bannung 1076 nach Canossa. Doch waren die Konflikte zu tiefgreifend, als dass sie sich damit hätten befrieden lassen. Dies war erst 1123 nach Jahren des politischen Chaos möglich.

Wie bedeutsam Kirche als politischer Machtfaktor war, zeigen nicht nur die 1095 unter Papst Urban II. begonnenen Kreuzzüge. Machtgewinn, -mehrung und -erhalt waren auch von innerkirchlicher Relevanz. So konnten rivalisierende Würdenträger aus Italien und Frankreich das 1378 bis 1418 andauernde Abendländische Schisma provozieren, in dem gleichzeitig zwei Päpste die Macht je für sich beanspruchten. In dieser Situation war Kaiser Sigismund der politische Akteur, der mit dem Konstanzer Konzil die Einheit der Kirche wiederherstellte. Mit der Ermordung des böhmischen Reformators Jan Hus steht das Konzil auch für die blutige politische Auseinandersetzung mit reformatorischen Bewegungen. Langfristig sollten diese das Verhältnis von Politik und Religion, Obrigkeit und Kirche, neu verorten.

Von Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Evangelische Zeitung, 11/2014, 16. März 2014.
http://www.dieevangelische.de

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