„Ich habe die Wahrheit gefunden“

Raschid Idrissi (mit Gabriele Pässler): Der Sohn des Imams. Wie ein marokkanischer Muslim im deutschen Gefängnis von Jesus überrascht wurde

„Mein Herz ging auf, und mein Verstand stand still“, erinnert sich Raschid Idrissi. Anfang der 1990er Jahre wartet der Marokkaner mit anderen Häftlingen auf seine Abschiebung aus Deutschland. Als er sich während einer Rast auf dem Transport zum Flughafen im Warteraum eines Gefängnisses betend an Jesus Christus wendet, öffnet sich die Tür: „Raschid Idrissi, Sie fahren nach Freiburg zurück.“ – Der Abschiebebescheid war ausgesetzt worden.

Dieses Erlebnis bestärkt den jungen Mann, der nach Deutschland gekommen war, um Germanistik zu studieren, in seinem christlichen Glauben. Geboren wurde Raschid jedoch als Sohn eines strengen Koranlehrers. Als Kind leidet er unter seinem oft jähzornigen Vater, der dem Heranwachsenden kaum Freiräume gewährt. Es sind traumatische Erlebnisse, die schon bald unterbewusste Zweifel an der islamischen Lehre wecken, wie sie der Vater seinen Kindern ‘vermittelt’.

Das Studium befreit den jungen Muslim fürs erste – er verlässt seine Geburtsstadt, es folgen Studienaufenthalte in Moskau, Heidelberg und letztlich der entscheidende Schritt: Die Fortsetzung des Studiums in Freiburg. Hier lebt sich der allseits beliebte Kommilitone rasch ein und findet seine erste große Liebe. Doch dann wird er eines Abends von der Polizei aufgegriffen und in ein Untersuchungsgefängnis gebracht. Erst nach Tagen erfährt er, dass seine Freundin ihn nach einem Beziehungsstreit wegen angeblicher Vergewaltigung angezeigt hat – das Gericht gibt ihr Recht.

Über zwei Jahre sitzt er, der sich inzwischen frustriert von Allah abgewandt hat, in Haft. Hier erfährt er durch Zufall vom Bibelkreis der Häftlingshilfe „Schwarzes Kreuz“ – und entscheidet sich spontan, teilzunehmen.

Inzwischen hat Raschid Idrissi seine Erlebnisse vor, während und nach seiner Zeit im Bibelkreis zu Papier gebracht. Leider kommt der Text in seiner Dogmatik recht prätentiös daher. Hätten Raschid Idrissi und seine Co-Autorin Gabriele Pässler an einigen Stellen weniger dick aufgetragen und die großen und kleinen Wunder, die man im Leben mit Jesus Christus erleben kann, mit dem Schleier des Unergründlichen geschmückt, statt sie wie eine Monstranz vor sich her zu tragen, fiele die Lektüre auch kritischen Lesern leichter und erschiene die erzählte Lebensgeschichte glaubwürdiger.

Eindrücklich sind die Schilderungen Raschids innerer Konflikte, die seiner Bekehrung durch den Dialog im Bibelkreis, vorausgehen. Trotzdem er kein praktizierender Muslim mehr ist, spürt er nun gerade angesichts der Frage nach der Gottessohnschaft Jesu, wie die in der Kindheit eingeübten Denkmuster fortwirken: Nach Besuch des Bibelkreises bittet er zunächst bei Allah um Verzeihung. Letztlich gelingt es ihm jedoch, Jesus als Sohn und die Bibel als Wort Gottes für sich anzunehmen. „Ich habe die Wahrheit gefunden, nicht eine andere Religion“, schreibt der Christ Raschid Idrissi heute rückblickend.

Der Glaube und die Gemeinschaft geben dem Gefangenen nicht nur neue Kraft und innere Gelassenheit – auch findet er hier Menschen, die ihn im Gebet und in der Tat unterstützen. Und sich seiner nach der Entlassung annehmen. Nachdem er einige Zeit bei seinem früheren Betreuer vom Schwarzen Kreuz lebt, bezieht er gemeinsam mit einem anderen Haftgenossen eine Wohnung. Er könnte kaum glücklicher sein – doch plötzlich trifft ein neuerlicher Abschiebebescheid ein. Das einzige, was ihm jetzt noch helfen kann, ist die Ehe mit einer deutschen Frau.

Aus dieser Lage rettet ihn Maria, die er bei einem Bibelseminar kennenlernte und mit der er seither eine Beziehung pflegt – sie heiraten. So wird er nicht nur vor der Abschiebung bewahrt, sondern darf das Geschenk erfahren, eine liebevolle Ehe und glückliche Familie zu begründen. Heute lebt der Mitfünfziger mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter in Süddeutschland. Und besucht als Mitarbeiter des Schwarzen Kreuzes Häftlinge – um weiterzugeben, was ihm einst widerfuhr.

Tilman Asmus Fischer, Berlin, Sommer 2013

Raschid Idrissi (mit Gabriele Pässler): Der Sohn des Imams. Wie ein marokkanischer Muslim im deutschen Gefängnis von Jesus überrascht wurde. Brunnen Verlag, 2013. ISBN: 978-3-7655-4192-6. 9,99 €.

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