Der Mensch Nelson Mandela

Der Film über den bedeutenden südafrikanischen Staatsmann wurde eine facettenreiche Charakterstudie

Von Tilman Asmus Fischer

Manche Filme muss man auf einer großen Leinwand sehen. Zu ihnen gehört „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“, ein Kino-Epos über einen der wohl bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Denn es braucht tatsächlich Fläche, um Mandela zu fassen. Sowohl den Film mit seinen großartigen Bildern und dem unglaublich präsenten Hauptdarsteller Idris Elba – als auch den Menschen und die Geschichte, die hinter dem Film stehen. Dabei braucht der Zuschauer nicht zu befürchten, von Pathos und Personenkult überrumpelt zu werden.

Vielmehr darf er den Menschen Nelson Mandela in seiner Entwicklung begleiten hin zu der Ikone, von der die Weltöffentlichkeit vor wenigen Wochen Abschied nahm: von der Politisierung des jungen Anwalts über seinen Weg in den gewaltlosen, später gewaltsamen Widerstand, in die politische Haft bis hin zum Sieg in der ersten freien Präsidentenwahl Südafrikas. Der spürbar persönliche Zugang, den „Mandela“ wählt, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass der Produzent Anant Singh, selbst ein „nichtweißer“ Südafrikaner, Mandela persönlich kannte und auf dessen Wunsch hin das Projekt seit 16 Jahren verfolgte.

Nur sechs Wochen nach Mandelas Freilassung traf er ihn im Haus einer gemeinsamen Freundin. „Was mich auf Anhieb begeisterte, war seine Bescheidenheit, sein enormes Wissen und vor allem, dass er wirklich den Wunsch hatte, sich meinen Standpunkt anzuhören“, erinnert sich Singh. Der Film lässt die große Sympathie für Mandela erkennen, verfällt aber nicht einem stereotypen Schwarz-Weiß-Schema, blendet etwa auch Fehlentwicklungen in radikalen Zweigen der Antiapartheidbewegung nicht aus.

Indem er dennoch vor allem Mandelas Schicksal fokussiert, entspricht Regisseur Justin Chadwick den Wünschen seines Produzenten: „Schon als Anant zum ersten Mal mit mir über dieses Projekt sprach, legte er viel Wert darauf, dass im Zentrum das menschliche Schicksal stehen muss; der Preis, den Mandela für seinen Kampf als Mann zu Lasten seiner Familie und seiner Beziehung zu Winnie zahlte“, berichtet Chadwick.

Nichtsdestotrotz beherrscht er eingeführte Stilelemente politischer Filme. Eindrucksvolle Demonstrationszüge, die sich mittels Masse über die staatliche Repressionsmacht hinwegsetzen, fehlen ebenso wenig wie eingängige Monologe des Protagonisten. Gleich zweimal lässt er Mandela die Kraft der Solidarität durch die Metapher des brechenden Fingers gegenüber der geschlossenen Faust verdeutlichen. Der filmhistorisch Interessierte mag hier schmunzelnd an „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“ denken.

Die Essenz von „Mandela“ ist jedoch nicht ein Hochglanzbild des strahlenden Hau-drauf-Revolutionärs, sondern eines Mannes, dem es aus tiefem Selbstvertrauen und einer kaum zu brechenden inneren Ruhe heraus gelang, sein Land zu verändern. Und nicht nur das: der seinen Werten und Prinzipien folgend – entgegen eskalierender Emotionen einiger seiner Anhänger – auf seine eigenen Unterdrücker zuging, bereit zur Vergebung und zu einem gemeinsamen Neubeginn. Was dies konkret politisch-historisch bedeutete, vernachlässigt der Film zugunsten einer facettenreichen Charakterstudie, die so vielleicht auch ein größeres Publikum erreicht.

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (2013). Regie: Justin Chadwick

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 6, 9. Februar 2014.

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