Rumpelkammer des Erinnerns?

Über eine Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus in Berlin ist Streit entbrannt

Von Tilman Asmus Fischer

Vor „galoppierender Gedenkeritis“ warnte Götz Aly im März in der Berliner Zeitung. Die von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (kurz: UOKG) angeregte Initiative „Mahnmal für die Opfer des Kommunismus“ bereitete dem Historiker Magenschmerzen: „Soll Berlin zu einer mit nazi-stalinistischen Gedenkfragmenten vollgestopften Rumpelkammer werden?“ Inzwischen hat die Initiativgruppe ein erstes Programmpapier unter dem Titel „Erinnern, Gedenken und Mahnen“ veröffentlicht, das auch zu berücksichtigende Opfergruppen benennt. Zu ihnen gehören verfolgte Christen.

Gerade für sie wäre ein solches Mahnmal von großer Bedeutung, sagt Rainer Wagner, Bundesvorsitzender der UOKG. Der Religionspädagoge verließ 1984 die DDR, nachdem er als Jugendlicher eineinhalb Jahre politische Haft erleiden musste: „Es gibt in ganz Deutschland kein Denkmal für die verfolgten Christen in der DDR.“ Aber auch andere Opfer der kommunistischen Herrschaft hätten keinen eigenen „Ort des individuellen Gedenkens“, meint Wagner. Diesem Fehlen könne mit einem Mahnmal begegnet werden.

Curt Stauss, Beauftragter des Rates der EKD für Seelsorge und Beratung von Opfern der SED-Kirchenpolitik, sieht in der Loslösung des Gedenkens von historischen Erinnerungsorten ein Problem. Er fragt: „Was kann der Vorzug eines Mahnmals ohne einen solchen konkreten Erinnerungsbezug und ohne die kontinuierliche pädagogische Arbeit der etablierten Gedenkstätten sein?“ Stauss sorgt sich nicht wie Götz Aly um Berlins Selbstbild. Er fürchtet „kaum lösbare Auseinandersetzungen“: Zentral sei die „Frage nach den eigenen Anteilen“. „Die DDR hat so lange funktioniert, weil so viele sich daran beteiligt haben“, sagt Stauss. Er würde sich etwas anderes wünschen als ein „negatives Mahnmal“, das viele unterschiedliche „Biografien auf eine Opferrolle reduziert“.

So wird noch ausführlich darüber diskutiert werden, wie das Denkmal gestalterisch den Opfern gerecht werden kann. Dabei stellt sich auch die Frage nach dem Ort. Der letzte DDR-Außenminister, Markus Meckel, dachte bereits laut über die Umwidmung der Neuen Wache nach. Diese Lösung ist auch für Rainer Wagner denkbar: „De facto wird die Neue Wache heute zu nichts Sinnvollem genutzt“, gibt er zu bedenken. Schließlich benenne das Denkmal viele Opfergruppen, ohne sie recht zu würdigen. Diese Aufgabe hätten inzwischen andere Gedenkorte übernommen, wie das Schoahmahnmal oder das kommende „Sichtbare Zeichen“ für die Vertriebenen.

Weil die Neue Wache in DDR-Zeiten zudem politisch instrumentalisiert wurde, könnte sich Wagner als persönlich Betroffener mit diesem Monument als Mahnmal identifizieren. Er könnte sich aber auch einen Mahnmalpark am Spreebogen am Bundeskanzleramt gut vorstellen.

Gerade im Themenjahr „Reformation und Politik“ kann die Diskussion über das Mahnmal ein zentrales zeitgeschichtliches Thema des deutschen Protestantismus beleuchten. Die EKBO zumindest steht für ein würdiges Gedenken an die Opfer des Kommunismus. So erklärt Konsistorialpräsident Ulrich Seelemann gegenüber der „Kirche“: „Dieses Kapitel der deutschen Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten. Wir müssen auch weiterhin an das DDR-Unrecht und an die Gewalt gegenüber den DDR-Bürgern erinnern.“

Weitere Informationen unter:
http://www.initiative-mahnmal.de
Telefon (030) 5 54 94-5 36
UOKG e.V./Initiative Mahnmal
Ruschestraße 103, Haus 1
10365 Berlin
E-Mail: dore@initiative-mahnmal.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 3, 19. Januar 2014.

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