Original oder Fälschung?

140 Jahre Streit und Verständigung über die Echtheit des Vertrags von Kruschwitz

Ob sich Max Perlbach im Klaren über die Wirkung war, die sein Aufsatz „Die ältesten preußischen Urkunden. Kritisch untersucht“ haben sollte, der 1873 in der Altpreußischen Monatsschrift erschien? So oder so hat er mit seinen Überlegungen, die andere Historiker-Generationen weiterführten und Widerspruch von ebenso großer Tradition hervorriefen, zu einem ‘Historikerstreit’ geführt, auf dessen 140jährige Geschichte wir in Jahre 2013 zurückblicken können. Um die in den vergangenen Jahrhunderten ausgetauschten Argumente nachvollziehen zu können, ist es notwendig, sich zunächst einmal den Entstehungskontext des Dokuments vor Augen zu führen, das im Zentrum der Diskussion steht: Der Vertrag von Kruschwitz, mit dem Herzog Konrad von Masowien dem Deutschen Orden im Sommer 1230 das Culmer Land verlieh und ihm die Eroberung des Preußenlandes eröffnete.

Die Landnahme des Deutschen Ordens im Culmer Land setzte 1226 mit einer kaiserlichen Vollmacht ein: Die auf dieses Jahr datierte Bulle von Rimini wurde wahrscheinlich nachträglich ausgefertigt. In den Jahren bevor Herzog Konrad von Masowien den Deutschen Orden ins Land rief, hatte er eine Vielzahl von Herzögen, Bischöfen und Großen mit Grundbesitz im Culmer Land beliehen, um sich auf diesem Wege Schutz vor den einfallenden Prußen zu erkaufen. Beides, Zersplitterung des Grundbesitzes und Prußeneinfälle führten zu einer unklaren Besitzverteilung im Culmer Land. Mit drei Urkunden verlieh Herzog Konrad von Masovien das Culmer Land an den Deutschen Orden: Die erste wurde im April 1228, die zweite vermutlich Januar 1230 ausgestellt, bevor die Kruschwitzer Urkunde vom Juni 1230 entstand. Parallel hierzu arrondierte der Orden seinen Grundbesitz im Culmer Land, indem er sich von bisherigen Lehensnehmern die ihnen von Herzog Konrad verliehenen Güter abtreten ließ.

Vier wesentliche Merkmale zeichnen die Kruschwitzer Urkunde aus: Erstens werden dem Orden nicht nur Burg und Land Culm, sondern auch die diesbezüglichen Herrschaftsrechte verliehen. Zweitens werden die Schenkung und Verleihung mit auffälliger Deutlichkeit garantiert und abgesichert. Drittens verzichtet Herzog Konrad auf mögliche Eroberungen in Preußen. Viertens tritt der Orden als dem Herzog ebenbürtig und nicht als dessen Vasall in Erscheinung. Diese Charakteristika markieren gleichermaßen die neuralgischen Punkte, anhand derer sich die Diskussion der letzten Jahrzehnte entspann. Ausführlich hat sie Tomasz Jasiński in seinem 2008 erschienenen Buch „Kruschwitz, Rimini und die Grundlagen des preußischen Ordenslandes“ zusammengefasst. Er selbst konnte zuletzt überzeugend begründen, dass es sich bei der Urkunde nicht um eine Fälschung handelt. An dieser Stelle wollen wir uns damit begnügen, die wesentlichen Argumente hinsichtlich der Überlieferung, der Form und des historischen Kontexts der Urkunde zusammenzufassen:

Fragwürdig erschien den Echtheits-Kritikern die Tatsache, dass das Original der Urkunde nicht erhalten ist. Die älteste Überlieferung findet sich in dem päpstlichen Register aus dem Jahre 1234. Auch beruhen die beiden später entstandenen Abschriften der Urkunde (in der päpstlichen Kanzlei von 1257 und im Kopialbuch des Deutschen Ordens von 1261 bis 1263) nicht auf der Originalausfertigung, sondern dem Text von 1234. Ein so früher Verlust der Urkunde erscheint jedoch früheren Historikern überraschend, die der Idealvorstellung einer perfektionistischen Ordensbürokratie verhaftet waren. Gab es die Urkunde nicht und sie wurde lediglich nachträglich erfunden und als Abschrift kreiert? – Da das Dokument im Jahre 1234 der Ordenskanzlei übergeben wurde, braucht ihr Fehlen im Ordensarchiv nicht zu verwundern. Zudem nehmen mehrere päpstliche Urkunden aus dem September des Jahres 1230 auf die Urkunde Bezug bzw. bestätigen Teile ihres Inhalts: So bestätigt der Papst mit einer Bulle vom 12. September den Verzicht des Herzogs auf Eroberungen in Preußen.

Im Formular der Urkunde, also ihrer diplomatischen Ausgestaltung, konnten lange Zeit begründete Indizien auf eine Fälschung gesehen werden: Die Pertinenzformel, die die Rechte des Beschenkten aufzählt, hebt sich in deutlicher Weise von entsprechenden Formeln in zeitgenössischen deutschen und polnischen Urkunden ab. Gleiches gilt für Begrifflichkeiten des römischen Rechts, mit denen die Rechte des Ordens umschrieben und in besonderer Weise abgesichert werden; in Urkunden des Typs wie der Kruschwitzer waren sie erst in späterer Zeit zu finden. Schließlich entsprach die Datierung der Kanzlei Kaiser Friedrichs II., nicht jedoch derjenigen Herzog Konrads. – Diese Irritation konnten allerdings durch personengeschichtliche Erkenntnisse aufgelöst werden: Es konnte wahrscheinlich gemacht werden, dass es der Bischof und päpstliche Diplomat Wilhelm von Modena war, der die Urkunde konzipierte. Da in der päpstlichen Kanzlei wiederum die römisch-rechtliche Begriffswelt etabliert wurde, deutlich bevor sie von anderen Kanzleien übernommen wurde, erklärt sich deren Einfließen in den Vertrag von Kruschwitz. Selbiges gilt für die Pertinenzformel und die kaiserliche Datierung, war Wilhelm doch, ebenso wie der Hochmeister des Deutschen Ordens, auch mit der kaiserlichen Kanzlei vertraut. Da der Vertrag als Empfängerausfertigung entstand, ist es plausibel, dass sich ebendiese Tendenzen durchsetzen konnten.

Bleibt noch die Frage der historischen Glaubwürdigkeit des Urkundeninhalts: Hier wurde schlichtweg argumentiert, dass es nicht plausibel sei, dass Herzog Konrad die Schenkung ohne weitere Bedingungen und unter Verzicht auf die Herrschaftsrechte beabsichtigt habe. –Weitet man den Blick über den regionalen Kontext hinaus und berücksichtigt die Tatsache, dass Herzog Konrad sich gegen Heinrich den Bärtigen im Kampf um den Krakauer Königsthron durchsetzen musste, gewinnt der Vertrag an Plausibilität. Der Verzicht auf das Culmer Land und mögliche eigene Eroberungen in Preußen machten für den masowischen Herzog militärische Ressourcen frei, die durch den Prußenkampf gebunden waren, jedoch nun für ein höheres Ziel verwendet werden konnten: das polnische Königtum.

Dass wir heute, nach 140 Jahren, solche Gewissheit über die Entstehung und wahrscheinliche Echtheit der Kruschwitzer Urkunde haben, ist der mühsamen Kleinarbeit von Historikern und ‘Hilfswissenschaftlern’ zu verdanken. Durch ihr Tun konnte in einem auch politisch aufgeladenen Streit zwischen Deutschen und Polen Besonnenheit einkehren.

Weiterführende Literatur: Tomasz Jasiński: Kruschwitz, Rimini und die Grundlagen des preußischen Ordenslandes (= Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 63). Marburg 2008 – Max Perlbach: Die ältesten preußischen Urkunden. Kritisch untersucht, in: Altpreußische Monatsschrift 10 (1873) – Arno Mentzel-Reuters: Max Perlbach als Geschichtsforscher. In: Preußenland 45 (2007).

Von Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 12/2013.

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