Nicht nur über schöne Dinge reden

Zum 3. Oktober: Matthias Storck war inhaftiert, weil er den DDR-Staat kritisiert hatte. Der Knast wird jetzt Gedenkstätte

Von Tilman Asmus Fischer

Dezember 1980: Auf Druck der Bundesrepublik, vor allem des ehemaligen EKD-Generalbevollmächtigten Hermann Kunst, wird der Greifswalder Theologiestudent Matthias Storck aus dem Zuchthaus Cottbus freigekauft. 14 Monate hat er dort eingesessen. Alles in allem ist die Aufnahme im Westen freundlich. Bei seinen neuen Kommilitonen an der Theologischen Fakultät in Münster findet Matthias Storck Aufgeschlossenheit für sein Schicksal.

Dann jedoch neigen sich die 1980er Jahre dem Ende zu und „was vielleicht vorher schon unfreundlich war, wurde 1989 richtig unfreundlich“. Das muss Storck gerade im Umgang mit vielen seiner Amtsbrüder und -schwestern erfahren. Wenn er und seine Frau vom Alltag in der DDR erzählen, gibt es häufig nur zwei Arten der Reaktion. Die einen staunen: „Was, da gab’s doch Butter!“ Die anderen fragen: „Warum seid ihr dann nicht dort geblieben?“ „Denen reichten unsere Höllenschilderungen nicht“, so Storck.

Es ist für den Theologen verletzend, erfahren zu müssen, dass nach Jahren der Teilung, nun, da man offen über das Vergangene sprechen darf, die Stimme der Opfer wenig Gehör findet. Als Anfang der 1990er Jahre der 2009 verstorbene, ehemalige Berliner Bischof Albrecht Schönherr zu einer Diskussionsveranstaltung nach Westfalen kommt, wo Storck inzwischen Pfarrer ist, nutzt dieser die Gelegenheit, auf Versäumnisse Schönherrs und seiner Kirchenleitung hinzuweisen. Storck fühlte sich damals von seiner Kirche im Stich gelassen, als ihn die Kritik am Wehrkundeunterricht ins Gefängnis brachte. Aus dem Saal heraus wird er abgewürgt: „Jetzt wollen wir mal über die schönen Dinge reden …“

Matthias Storck will nicht über schöne Dinge reden – zumindest nicht nur. Denn inzwischen hat er in seine Stasi-Akte Einsicht genommen, ebenso wie in diejenigen der auf ihn angesetzten Informanten: Unter ihnen sind eine Reihe evangelischer Theologen – Seelsorger, die ihm damals das Gefühl gegeben hatten, ihn auf seinem Weg zu begleiten.

Seine Erkenntnisse und Kritik behält er nicht für sich, schreibt Artikel im „Rheinischen Merkur“ und veröffentlicht 1993 seine Autobiographie „Karierte Wolken. Lebensbeschreibungen eines Freigekauften“. Er erntet nicht nur Zustimmung: „Vielen habe ich ihre Illusion von der Kirche in der DDR genommen und damit den Zorn der Gutmenschen auf mich gezogen“, erinnert sich Storck.

Inzwischen hat sich einiges getan. Die Aufarbeitung der DDR-Zeit ist in den meisten Landeskirchen vorangeschritten. „Mecklenburg ist hier vorbildlich“, lobt Storck, während er mit Blick auf die ehemalige pommersche Landeskirche gerne Otto von Bismarck zitiert: „Wenn die Welt einmal untergeht, möchte ich in Pommern sein, denn da geht sie 150 Jahre später unter.“ Einige der auf ihn angesetzten Stasispitzel mussten den kirchlichen Dienst verlassen.

Er selbst sei in den Jahren jedoch auch nachsichtiger geworden, sagt Storck. Er unterscheide zwischen verschiedenen Arten des Verrats, die er erleben musste. Die jahrelange Arbeit gegen das Vergessen, die Matthias Storck und seine Frau vor allem mit Vorträgen im gesamten Bundesgebiet geleistet haben, wurde 2012 durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt. Am 10. Dezember 2013 – dem Jahrestag seiner Freilassung – wird nun im Cottbusser Zuchthaus, das inzwischen von ehemaligen Häftlingen gekauft wurde, die Dauerausstellung ihres „Menschenrechtszentrums Cottbus“ eröffnet.

Ihr Titel: „Karierte Wolken“. Matthias Storck freut sich über diesen Titel und die Gedenkstätte angesichts dieses gelungenen Projekts: „Das Zuchthaus ist eine Stätte des Unrechts, die sich der Geschichte stellt.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 40, 6. Oktober 2013.

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