Kirche als Kulturzentrum

Die „Galeria EL“ in St. Marien in Elbing

Über Wäscheständern auf Kinderwagenrädern ist Säuglingskleidung gehängt. Darüber an Wäscheleinen schwarze Garderobe: Das menschliche Leben im Spannungsfeld der Welten von Kindheit und Reife. „Zmiany“ („Der Wandel“) ist der Name einer Installation von Marek Elsner, die im Rahmen des 27. „Salon Elbląski“ (bis Ende August) in Elbing gezeigt wurde.

Der Sitz der einladenden „Galeria EL“ steht für das Schicksal der alten Hansestadt, deren historischer Kern im zweiten Weltkriegs fast gänzlich vernichtet wurde: Es ist die alte Marienkirche, seit 1542 Zentralort des kirchlichen Lebens einer 1945 überwiegend evangelischen Stadtbevölkerung. Den Krieg überlebte die Marienkirche schwer beschädigt und zweckentfremdet – ihre Gemeinde war vertrieben worden.

Dass das evangelische Gotteshaus nicht gänzlich dem Verfall zum Opfer fiel, hat sie einer Gruppe von Künstlern zu verdanken, die das Gebäude in den 1960er Jahren als kreatives Zentrum für sich entdeckten. Ihr Wortführer war Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski, der bei der Stadt die Nutzung als Künstleratelier beantragte. 1961 trat die „Galeria EL“ mit ihrer ersten Ausstellung in Erscheinung. Blum-Kwiatkowski gehörte zu den wenigen Elbingern, die ihre Heimat 1945 nicht verlassen mussten. Er emigrierte 1974 ins Bundesgebiet. Auch nach seinem Weggang arbeitete die Galerie weiter – bis heute.

Galeria EL„Der Antiklerikalismus der damaligen kommunistischen Behörden war nicht ohne Einfluss auf die Zustimmung zur Einrichtung einer Galerie in der ehemaligen Kirche“, erinnert Joanna Szkolnicka. Die polnische Kulturhistorikerin ist Mitarbeiterin der Elbinger Stadtbibliothek und auf die Geschichte Elbings im 20. Jahrhundert spezialisiert: „Vor diesem politischen Hintergrund haben gerade einige ältere Elbinger noch heute Probleme mit der Galerie. Alles in allem ist sie aber von der Bevölkerung positiv angenommen worden.“

Wenn die damalige Umwandlung auch ohne Beteiligung der eigentlichen Kircheneigentümer erfolgte, so wurde damit doch ein Denkmal der evangelischen Kirchengeschichte bewahrt. Ihre Spuren sind noch heute erkennbar. Bei einer in den vergangenen Jahren abgeschlossenen Renovierung wurden zwar durch eine geschickte Stahl-Glas-Konstruktion im südlichen Schiff Ausstellungsflächen auf drei Etagen geschaffen. Dennoch kommt die Vorgeschichte des Gebäudes in Architektur und wenigen kunsthistorischen Relikten zum Tragen, etwa einem großen Epitaph an der Nordwand des Hauptschiffs.

Die meisten der hier im Rahmen des Kunstsalons gezeigten Werke stehen nicht im Kontrast zum sakralen Raum – vielmehr regen die Künstler zum Nachdenken an. Karolina Hajek-Kalińskas Fotos von mit Speck umwickelten Köpfen machen es dem Betrachter zwar schwer. Aber Paweł Nieczuja-Ostrowski thematisiert etwa in einem Gemälde eindringlich die langen Schatten der Zerstörung Elbings. Nieczuja-Ostrowski steht prototypisch für das künstlerische Potential der Bürgerschaft des heutigen Elbing: Der Politologe sitzt für die Bürgerplattform von Ministerpräsident Donald Tusk im Stadtrat.

In den vergangenen Jahren hat seine Stadt eine enorme Verwandlung vollzogen. Anfang unseres Jahrhunderts lagen noch weite Flächen der Altstadt brach – in ihrer Mitte standen die beiden Kirchen Marien und Nicolai. Inzwischen ist eine neue Altstadt mit moderner Architektur und historisierenden Stilelementen entstanden. Eine Stadt, die durch den Krieg ihre Identität verlor, hat begonnen, ihre Geschichte fortzuschreiben. Ihre alte evangelische Stadtkirche steht heute als kulturelles Zentrum für die Kreativität und Vielfalt, die hinter ihren Fassaden schlummern.

Von Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 10/2013.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s