„Fröhlich soll mein Herze springen“

Die sorbischen Kirchenlieder sind nur wenigen bekannt

Von Tilman Asmus Fischer

„V kri volša“ – „Am Strauch steht eine Erle“. Glauben wir dem mittelalterlichen Chronisten Thietmar von Merseburg, lautete so eine sorbische Parodie auf das „Kyrie eleison“ um die Wende zum 11. Jahrhundert. So fern wie damals den Sorben der christliche Glaube war, scheint manchen heute die Kultur dieser Volksgruppe zu sein, die im Osten der brandenburgischen und sächsischen Landeskirchen lebt. Dies war etwa zu spüren, als vergangenes Jahr „Singt Jubilate“ als Ergänzungsband zum Gesangbuch speziell für die EKBO erschien und kein sorbisches Kirchenlied Eingang fand.

Sorben wie der Autor und Publizist Mìto Pernak (deutsch Martin Pernack), bedauern dies sehr: „Im Verhältnis zu deutschen Kirchenliedern gibt es zwar nur wenige sorbische Eigenschöpfungen. Hierunter sind jedoch einige, die durchaus hätten gewürdigt werden können“, sagt der 1938 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Neu-Zauche Geborene. Er selbst war 2008 maßgeblich an der Herausgabe des neuen wendischen Gesangbuchs beteiligt.

Dieses in Niedersorbisch erschienene Kirchenliederkompendium ist eines der jüngsten Dokumente einer traditionsreichen Musikgeschichte: Bereits 1574 war das erste „Wendische Gesangbuch“ von Pfarrer Albin Moller herausgegeben worden. Zu größerer Bekanntheit sollte es sein ein halbes Jahrhundert später geborener Landsmann Jan Krygaà bringen, dessen Kompositionen unter dem Namen Johann Crüger gleich mehrfach im Evangelischen Gesangbuch zu finden sind (etwa „Fröhlich soll mein Herze springen“).

Beide – das Gesangbuch und die Crüger-Kompositionen – sind jedoch vielmehr Zeugnisse einer gemeinsamen christlich-abendländischen Musikkultur, freilich mit sorbischen Bezügen. Eine solche spezifisch sorbische Musikkultur finden wir wohl eher in den „Kantorei ähnlichen Singgemeinschaften, die sich seit der Reformation in den einzelnen Orten herausbildeten“, und deren identitätsstiftende Bedeutung der sorbische Musikwissenschaftler Detlef Kobjela 2008 in einem lesenswerten Sammelband hervorhob. Ihre Aufgabe war es „unter der Leitung einer gewählten Vorsängerin, der ‘Kantorka’, im Rahmen kirchlicher Zeremonien, vor allem aber zu bestimmten brauchgebundenen Anlässen – insbesondere in der Spinnstube – das geistliche und weltliche Volkslied zu pflegen und somit dessen mündliche Weitergabe zu sichern“.

Ein gelungenes Beispiel dafür, dass die Denkmäler dieser sorbischen Kirchenmusikgeschichte durchaus für die Zukunft bewahrt und einer breiten – nicht nur sorbischen – Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können, ist eine 2011 im Bautzener Domowina-Verlag erschienene CD. Das Album nimmt sich dem Werk des 1854 mit anderen Sorben nach Amerika ausgewanderten Theologen und Kirchenliederdichters Jan Kilian an.

Die Einspielungen von 22 Chorälen werden begleitet von einem Booklet, das die zugehörigen Texte in deutscher, sorbischer und englischer Sprache bereithält. Derlei Projekte machen deutlich: Sorbische Musik und Kultur sind nicht nur etwas für Sorben – sie sind Teil eines gemeinsamen Erbes. Auch in unserer Landeskirche.

CD „Jan Kilian. Kìrluše – Choräle – Hymns“, Domowina-Verlag, Bautzen 2011.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 34, 25. August 2013.

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