Thema: Massengrab Marienburg

Es gibt viel zu bedenken und noch manches herauszufinden

Im dritten Jahrgang des Jahrbuchs „Preußenland“ (2012) hat der Marienburger Historiker Rainer Zacharias einen 75 Seiten umfassenden Aufsatz mit dem Titel „Ein Massengrab gibt zu denken. Marienburg 1939–1945 Malbork“ veröffentlicht. Darin versucht er, die historischen Umstände und Ereignisse zu erschließen, von denen das im Herbst 2008 aufgefundene Massengrab zeugt. Zu dem Artikel erreichte uns eine abweichende Ansicht des Marienburger Heimatkreisvertreters Bodo Rückert, der sich ebenfalls seit Jahren gemeinsam mit vielen anderen Marienburgern um eine Aufklärung der Vorgänge bemüht. Das ist sehr schwierig, weil man z. B. Zeitzeugen braucht, die viele verschiedene Vorgänge beschreiben können, und weil man z. B. deren Aussagen heute noch beweisen könnten müsste – doch viele Beweismöglichkeiten – wie etwa die damalige Bebauung/Zerstörung der Stadt – existieren nach 65 Jahren so nicht mehr.

Da viele unserer Leser sich für das Thema interessieren, jedoch nicht alle das Jahrbuch „Preußenland“ beziehen, stellen wir dem Text von Bodo Rückert eine Zusammenfassung des Preußenlandartikels voran. Das Jahrbuch wird herausgegeben von der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung mit dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und der Copernicus-Vereinigung für Geschichte und Landeskunde Westpreußens e. V. Es erscheint im Osnabrücker Fibre-Verlag und bietet Aufsätze zur Geschichte West- und Ostpreußens sowie Rezensionen von Büchern über West- und Ostpreußen (Band 3 kostet 24 Euro – ISBN 978-3-938400-90-6). Interessierte können sich auch bei der Copernicus-Vereinigung in Münster melden.

Die Redaktion

Ein Massengrab gibt zu denken

Der Analyse von Rainer Zacharias vorgeschaltet findet sich ein Rückblick auf den in den vergangenen Jahren über den Fund geführten Diskurs und eine Präzisierung der diskursiven wie wissenschaftlichen Problemlage, zu der der Autor feststellt: „Eindeutigkeit zu erwarten, heißt die meisten Quellen zu überfordern, weil etliches nicht mit Sicherheit geklärt werden konnte.“ (S. 105) Einleitend wird der Leser über die militärische Vorgeschichte der Ereignisse von 1945 informiert. Hier wie auch an anderer Stelle verleiht der Verfasser dem Text durch umfassende historische Recherchen und eigene Erlebnisse und Eindrücke Authentizität.

Entscheidend für die spätere Entwicklung war der ab August 1944 in der Bevölkerung bekannt gewordene Evakuierungsplan. Der Autor vermutet, dass nach dem Beginn der Evakuierung am 22. Januar 1945 nur ein relativ geringer Teil der Bevölkerung in Marienburg verblieb. Der folgende Kampf dauerte vom 24. Januar bis 9. März und verhinderte so lange den Einmarsch der Roten Armee in das Große Werder und den direkten Weg in den Danziger Hafen. Die Kampfhandlungen dieser Wochen konzentrierten sich auf den Raum zwischen der von der Wehrmacht gehaltenen Marienburg und dem gegenüber liegenden Gebiet um die Hindenburgschule, in der die Rote Armee saß. Die Kämpfe endeten mit der Sprengung der Nogatbrücken nach Absetzung der deutschen Verteidiger auf die Westseite der Nogat.

Bevor sich der Verfasser den Lebensbedingungen nach dem Ende der Kämpfe zuwendet, erörtert er die Probleme der Quellenbasis ihrer Erforschung; diese beruht fast ausschließlich auf mündlicher Überlieferung nebst wenigen Briefen und Unterlagen, die im Marienburg-Archiv bewahrt werden, und Materialien aus der Schieder-Dokumentation (1953 ff.). Hunger und Gewalt prägten das Leben der Marienburger und ostpreußischen Flüchtlinge, nachdem die Rote Armee nach und nach die Stadt in Besitz genommen hatte. Damals hielten sich auch Polen und ehemalige Kriegsgefangene in Marienburg auf. Es entstanden an etlichen Stellen der Stadt erste Massengräber, deren Tote – laut Zeitzeugen – meist Opfer von Vergewaltigern und Plünderern, aber auch von Erschießungen waren. Indirekter Kronzeuge für die Datierung des 2008 gefundenen Massengrabes am Binnenwall ist der katholische Pfarrer Konrad Will, der, nachdem er zwischen dem 15. März und 20. April verschleppt und inhaftiert worden war, von der sowjetischen Militärverwaltung mit der Bestattung der Todesopfer beauftragt wurde. Da seine präzisen Berichte dieses Grab nicht erwähnen, kommt der Verfasser zu dem Schluss, dass „die Massenbestattung zwischen dem 10. März und dem 19. April durchgeführt worden ist“ (S. 143). Bezüglich der Herkunft der Leichen, stellt der Verfasser die These auf, dass es sich um beschränkt arbeitsfähige und damit nicht zur Zwangsarbeit verschleppte deutsche Soldaten, sowie um zivile und militärische Kampf-, Seuchen-, Beraubungs- und Hungertote gehandelt habe, die aus Angst vor Ansteckungsgefahr, auch im Umland, gesammelt und verscharrt wurden. Es waren deutsche und nicht-deutsche Menschen.

Jahrzehnte später, vom Oktober 2008 bis in den Beginn des Jahres 2009, erfolgte dann bei Bauarbeiten die Auffindung der Gebeine von, wie spätere Untersuchungen ergaben, ca. 2.120 Toten. Als Todesursache einiger Leichen wurde zunächst auf Grund einer Zeitzeugenaussage und Einschüssen bei 10 % der Toten eine Massenerschießung im März 1945 ausgemacht. Rainer Zacharias geht der in den Medien kontrovers diskutierten Frage nach, wer das Grab angelegt haben könnte. War es die Rote Armee, die für Ordnung sorgen musste oder einen völkerrechtlichen Skandal vermeiden wollte, wenn bekannt würde, dass in Marienburg bei den Kämpfen über die Maßen viele Zivilpersonen ums Leben gekommen waren? Oder stand bereits die seit April 1945 sich bildende polnische Verwaltung dahinter? Und er fragt auch, wer die Toten sein könnten. Hinsichtlich der letzten Frage vertritt der Verfasser die Position, dass es sich um die nach den Kämpfen in und um Marienburg abgeräumten Leichen – „Opfer der Kriegshandlungen, der Erschießungen durch den NKWD, von Krankheiten und Epidemien“ (S. 162) sowie viele entkräftete Flüchtlinge – handelt. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung gelangte im Mai 2009 zu der Erkenntnis, dass nur die wenigsten Opfer durch gewaltsame Fremdeinwirkung ums Leben kamen. Erkenntnisse der Wissenschaftler vom Marienburger Schlossmuseum, die mit der Exhumierung befasst waren, bekräftigen diese Annahmen. Vor allem die Tatsache, dass die zuunterst liegenden Gebeine deutlich geordneter ‘bestattet’ wurden als die oberen, spricht dafür, dass es zuletzt – bei den stark gestiegenen Temperaturen – nur darum ging, zwecks Seuchenvermeidung und Beseitigung des fürchterlichen Gestanks alle Leichen möglichst rasch zu beseitigen.

Zusammenfassend spricht sich Rainer Zacharias für die Tage von Ende März bis Anfang April 1945 als Zeitfenster, in dem das Massengrab angelegt wurde, aus. Die Toten seien Marienburger, ebenso wie andere deutsche Zivilisten, aber auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter sowie deutsche und sowjetische Soldaten gewesen. Als Todesursachen, vor allem bei den mehrheitlich weiblichen Leichen und Kindern, sind Erfrierungen, Krankheiten, Hunger und Willkürhandlungen anzunehmen.

Tilman Asmus Fischer

Eine andere Betrachtungsweise

Mit großem Interesse habe ich den mir persönlich vom Verfasser zugesandten Beitrag gelesen und dabei auch viele neue Erkenntnisse gewonnen. Überrascht hat mich allerdings ein Absatz auf Seite 172.

Dort heißt es: „Die vorliegende Untersuchung erlaubt mit einem sehr hohen Grad an Wahrscheinlichkeit folgende „gesicherte“ Feststellung: Das Massengrab auf dem Gelände der heutigen ul. Solna ist zwischen dem 10. März und dem 19. April 1945 durch die sowjetische Administration zur Beseitigung der in der Stadt Marienburg und ihrer näheren Umgebung aufgefundenen Leichen angelegt worden“.

Als Empfänger zahlreicher Hinweise zum Sachverhalt Massengrab Marienburg bin ich bis heute außerstande, die vielen noch offenen Fragen zum Massengrab zu beantworten. Dennoch kann ich mich der o. a. Aussage nicht anschließen.

Die ersten ab 28.10. 2008 freigelegten sterblichen Überreste aus dem Marienburger Massengrab wurden sofort auf dem neuen Friedhof Marienburg in einer nahezu geheim gehaltenen Aktion beigesetzt. Kritische polnische Beobachter nutzten sogar die Worte „entsorgt und verscharrt“. Erst nach heftigem Widerspruch und Anzeigen mutiger Marienburger Bürger erfolgte eine erneute Beisetzung dieser 67 Opfer mit kirchlicher Beteiligung. Bürgermeister Rychlowski äußerte damals gegenüber der Presse, dass es sich bei den Toten um die vom September 1945 handele. Bis hierhin stimme ich mit den Ausführungen von Dr. Zacharias überein.

Das Institut für Nationales Gedenken (IPN) -Abteilungskommission für Verfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk in Danzig forderte mich als Vertreter des Heimatkreises Marienburg bereits am 13. März 2009 zu einer schriftlichen Zeugenaussage auf, überreichte mir einen umfangreichen Fragenkatalog und stellte gleichzeitig eine Vernehmung meiner Person in Aussicht. Eine Frage lautete: Waren Sie Zeuge jeglicher von russischen Soldaten begangenen Verbrechen an der Zivilbevölkerung in Marienburg, kennen Sie Zeugen, die sich im März und April 1945 in Marienburg aufhielten?

Selbstverständlich war ich im Hinblick auf eine faire und wahrheitsgetreue Aufklärung über das Marienburger Massengrab zu einer kooperativen Zusammenarbeit bereit und gab alle aus der Bundesrepublik Deutschland und dem Ausland an mich gerichteten Erlebnisberichte bzw. Hinweise an das IPN in Danzig und nachrichtlich an Bürgermeister Rychlowski in Marienburg kommentarlos weiter, ebenfalls an die vielen deutschen und internationalen Medien auf deren direkt an mich gerichteten Anfragen. Dazu gehörten auch die Aussagen von Personen, die über Verbrechen der polnischen Miliz an deutschen Staatsangehörigen in Marienburg berichteten. Gemeint sind z. B. die Aussagen über grauenvolle Vorgänge im Marienburger Gefängnis (mit lebenden Zeugen stehe ich noch immer in Verbindung) und am Marienburger Bahnhof im September 1945. Von dort wurden mit einem Zug eingetroffene etwa 200-300 Zivilisten (Frauen, Männer und Kinder) unter brutalen Knüppeleinsätzen der polnischen Miliz in das Stadtzentrum getrieben.

In Polen fand nur eine Zeugenaussage überregionale Aufmerksamkeit. Es war der nach Marienburg übersandte Beitrag, der über die begangenen Verbrechen der Roten Armee an der Zivilbevölkerung bei Einnahme der Stadt berichtete. Die schriftlich vorliegende Zeugenaussage wurde im polnischen Fernsehen zur besten Sendezeit (an einem Samstag um 20 Uhr in den Abendnachrichten) vom Marienburger Stadtsekretär Swedowski verlesen. Bürgermeister Rychlowski bedankte sich unmittellbar danach direkt bei der meldenden Person aus der Bundesrepublik Deutschland mit einem Präsent der Stadt Malbork.

Am 1.10. 2010 hat das Institut für Nationales Gedenkens (IPN) in Danzig das Verfahren in Sachen „Verletzung des internationalen Rechts Anfang 1945, aber nicht später als an der Wende März/April 1945 in Marienburg, durch Tötung der ca. 2120 Personen: Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung des Besatzungs- und Kampfgebietes, deren Gebeine nach dem 28.10. 2008 bei den Bauarbeiten in der Solna Str. in Marienburg aufgefunden worden sind“, eingestellt.

In diesem Gutachten wurde auch der mir persönlich bekannte Sachverständige für Archäologie Sawicki zitiert, der bereits am 20. 01. 2009, also wenige Tage nach Aufdeckung des Massengrabs in Marienburg mitteilte, dass die Toten höchstwahrscheinlich nach dem Einmarsch der Roten Armee aber vor dem Erscheinen der ersten Polen in Marienburg im März/April 1945 in Marienburg begraben wurden. Im Abschlußbericht des IPN bildete der im polnischen Fernsehen verlesene Bericht über die begangenen Verbrechen der Roten Armee einen besonderen Schwerpunkt. Alle anderen in Danzig und Marienburg vorliegenden Hinweise bzw. Zeugenaussagen fanden im Einstellungsbeschluss keine Berücksichtigung.

Wesentlich offener war die Berichterstattung der in Danzig beheimateten Ausgabe der überregionalen Zeitung „Gazeta Wyborcza“, die nicht nur alle nach Marienburg und Danzig übersandten Mitteilungen veröffentlichte, sondern vorab den Redakteur Slawomir Sowula von Danzig nach Köln zu mir beorderte, der nach längeren Gesprächen mit mir einige der aussagewilligen Zeitzeugen besuchte.

Schon vom Zeitpunkt der ersten Beisetzung (Oktober/November 2008) der 67 von den insgesamt 2116 geborgenen Opfern bis heute (siehe Inschrift Grabplatte Marienburger Großgrab in Neumark bei Stettin) scheint mir die Aufklärungsvorgabe „Kriegsopfer März/April 1945“ des IPN in Danzig bestimmend. Sie schloss so von Beginn eine Nachforschung nach Identität der Toten, deren Todeszeitpunkt und tatsächliche Todesursache aus. Somit befreite sie die polnische Justiz von Ermittlungen gegen eventuelle polnische Straftäter, indem sie die sowjetischen Truppen für die vielen Toten im Marienburger Massengrab verantwortlich sieht. Dem wurde bisher von niemanden widersprochen.

Trotz der vielen erhaltenen Beiträge zu dem Massengrab in Marienburg bin ich persönlich bis heute außerstande, eine verbindliche Aussage zu den Toten von Marienburg zu machen. Aber ich bin mir aufgrund der vom IPN Danzig durchgeführten und der im Abschlussbericht beschriebenen Ermittlungsgeschichte sehr sicher, dass die 2116 zivilen Opfer nicht im März/April 1945 in das Marienburger Massengrab eingebettet wurden.

Bodo Rückert /BK

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 6/2013.

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