Gentrifizierung und Gemeindeleben

Sophiens langer Weg von der Berliner Stadtrand-Kirche zur Innenstadt-Gemeinde

Von Tilman Asmus Fischer

„Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth“ – lautet die Inschrift über dem Portal der Berliner Sophienkirche, deren 300. Gründungstag zurzeit gefeiert wird. In den vergangenen Jahrhunderten hat sie eine bedeutende Wandlung vollzogen: vom königlich protegierten Gotteshaus an der Peripherie der brandenburgischen Residenzstadt zur Innenstadtkirche der Bundeshauptstadt. Die Entwicklung ist an der Gemeinde nicht ohne Spuren vorbeigegangen. Insbesondere in den vorigen beiden Dekaden, in denen ein Wort zusehends gesellschaftspolitische Debatten beherrscht: Gentrifizierung.

Daher mag für manche Gottesdienstbesucher das Gotteswort einen unschönen Beigeschmack haben. Es ist bitter, wenn Menschen, die in den vergangenen Jahren wichtige Arbeit in der Gemeinde geleistet haben, die neuen Mieten nach den Sanierungen nicht mehr zahlen können und das Gemeindegebiet verlassen müssen. „Berechnungen sagen, unsere Gemeindeglieder seien in den letzten Jahren zu 80 Prozent ausgetauscht worden“, sagt Pfarrerin Christina-Maria Bammel.

Für die Theologin stellt Gentrifizierung sowohl ein Ortsthema, als auch eine seelsorgerliche Herausforderung dar. So hat jede Generation ihre eigenen Probleme: In der Zeit des Nationalsozialismus ging ein Riss durch die Pfarrerschaft zwischen Angehörigen der Bekennenden Kirche und der Deutschen Christen. In der DDR-Zeit tendierten einige Pfarrer zu einer loyalen Zusammenarbeit mit dem Staat. Andere begannen mitten in der Diktatur die theologische Arbeit gegen alle Staatsideologie, etwa im Gespräch mit den jüdischen Geschwistern. Dann öffnete die Sophienkirche ihre Türen für die Protagonisten der Friedlichen Revolution. So stellt sich für Bammel die Frage: „Welche Rolle haben wir heute als Gemeinde für die Stadt? Worin besteht unsere Widerständigkeit?“ Das sind Fragen christlicher Lebensführung, für die eine neue Gesprächskultur an dieser Kirche geschaffen werden soll.

Fragen der Zeit will die Gemeinde als theologische Fragen aufnehmen; wie etwa im Gottesdienst vor einem Jahr zum Diakoniesonntag gemeinsam mit dem Diakonischen Werk der EKBO unter dem Motto „Schöner wohnen?“. Andererseits gilt es, der harten Wirklichkeit soziale Alternativen gegenüber zu stellen. Hierzu trägt vor allem die Koepjohannsche Stiftung bei: Sie wurde 1792 testamentarisch von dem wohlhabenden Schiffbauer Friedrich Koepjohann gegründet, um Witwen und Waisen zu unterstützen. Heute sind es etwa wohnungslose Frauen, die Hilfe brauchen und finden.

„Um die Sophienkirche leben postmoderne Performer, Materialisten und Post-Materialisten, Unternehmer und Menschen ohne regelmäßige Arbeit Tür an Tür und gemeinsam in Gottes Wohnung“, charakterisiert Christina-Maria Bammel die verschiedenen Milieus der Gemeinde.

Den Ansprüchen dieses urbanen Publikums hat sich auch das Angebot der Gemeinde angepasst. „Wir haben kaum eine wöchentliche Kreiskultur“, sagt Christina-Maria Bammel. Gemeindeglieder nehmen jedoch gern einzelne Angebote wahr – ob es nun ein Glaubenskurs, eine Diskussionsrunde oder musikalische Projekte sind. Diese Modularisierung des Gemeindelebens entspricht dem Lebensrhythmus vieler Großstadtbürger. Dennoch wird hierdurch die Gemeinde nicht zergliedert. Denn „der Gottesdienst ist der Herzschlag unserer Gemeinde“, so Bammel. Ihn feiern alle gemeinsam – wie seit 300 Jahren.

Unter anderem Titel erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 24, 16. Juni 2013.

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