Der Dom macht Gewinn

Als die Eigentumsfrage des Berliner Doms vor 20 Jahren anstand, scheuten viele das Risiko. Mancher könnte das heute bereuen

Von Tilman Asmus Fischer

Es war ein schlechter Stern, unter dem am 6. Juni 1993 der sanierte Berliner Dom seiner neuerlichen Nutzung als Kirche zugeführt wurde: Ende Mai waren beim Brandanschlag von Solingen fünf türkische Mitmenschen von Rechtsextremisten ermordet worden. Dieses Ereignis warf Schatten auch auf den Festgottesdienst, an dem Bundeskanzler Helmut Kohl teilnahm – anders als an der Trauerfeier für die Solinger Opfer. „Heuchler, Heuchler“ riefen die Demonstranten, die vor dem Dom Aufstellung genommen hatten. Zu den Bedenken über das Verhalten des Kanzlers gesellte sich in den 1990er Jahren Kritik am Geist des wilhelminischen Prachtbaus. Sie baute auf Vorurteilen gegenüber dem preußischen Kulturerbe auf, die aus den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts resultierten.

Auch Peter Beier, Präses der Rheinischen Landeskirche kam nicht umhin, in seiner Predigt die Spannung zwischen dem prächtigen Bau und dem bitteren Alltag zu thematisieren. Der Festgemeinde rief er die Gefahr des Rechtsextremismus, den Krieg in Bosnien und die Gefahren des Klimawandels in Erinnerung. Gerade angesichts dieser Probleme jedoch gab Beier dem Dom neuen Sinn: „Füllt diesen Dom. Noch immer gibt es hier etwas zu hören, was anderswo nicht zu hören ist. Noch immer gibt es etwas mitzunehmen, was einem sonst niemand einpackt.“

Diesem Auftrag fühlt sich die Domgemeinde noch heute verpflichtet. „Es geht darum, die Religion in den Stadtraum zurückzubringen“, sagt Dompredigerin Petra Zimmermann. Gemeinsam mit ihren Kollegen in den anderen Berliner „Citykirchen“ verfolgt sie dieses Ziel. Regelmäßig finden gemeinsame Projekte statt, die ein lebendiges Zeichen für das christliche Leben in der Bundeshauptstadt sind. Etwa der Doppelgottesdienst zu Himmelfahrt mit einer Prozession vom Dom zur Marienkirche. Gemeinsam bieten die „Citykirchen“ im Sommer dieses Jahres eine Predigtreihe zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ an. Hinzu kommen kulturelle Angebote, wie die szenische Umsetzung von Bachs Johannespassion, die viele Besucher in den Dom locken – und nicht unerhebliche Einnahmen bescheren. Die braucht der Dom, dessen Instandhaltung jährlich etwa eine Million Euro kostet. Für die notwendigen Arbeiten sind Dombaumeisterin Charlotte Hopf und ihr fünfköpfiges Team zuständig. Die tägliche Wartung vollzieht sich für den Besucher unsichtbar. Im Juli aber wird sich für einige Zeit das Äußere des Doms verändern. Es steht, so Charlotte Hopf, „die Demontage der beiden Engel rechts und links des Westportals, an. Sie werden in speziell dafür gefertigten Gestellen per Kran heruntergehoben und dann zur Untersuchung in die Werkstatt transportiert.“

Trotz der Erhaltungskosten, die zum Teil auch von Bund, Land und Spendern mitgetragen werden, wirtschaftet der Dom gewinnbringend. Und das ist notwendig. Petra Zimmermann vergleicht die Gemeinde gern mit einem „mittelständischen Unternehmen“, dessen Mitarbeiterschaft immerhin 50 Menschen umfasst und das sich selbst finanziell und autonom tragen muss. Diese Selbstständigkeit ist den Entwicklungen der Nachwendezeit zu verdanken: Zwar war die Fertigstellung der Sanierungsarbeiten abzusehen, jedoch wollte niemand die Verantwortung für das Gebäude übernehmen. Der Staat weigerte sich, Eigentümer zu werden, da er die Erhaltungskosten scheute, und auch die Landeskirche wollte nicht das Risiko eingehen, ein Zuschussgeschäft zu betreiben. So gehören heute die Gemeindeglieder der EKBO an. Kirche und Pfarrer gehören jedoch unmittelbar zur Union Evangelischer Kirchen. Womöglich mag nun, da der Dom schwarze Zahlen schreibt, mancher in der Landeskirche die einstige Entscheidung bereuen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 23, 9. Juni 2013.

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