Mutter der Frömmigkeit

Das Deutsche Historische Museum bereitet eine Ausstellung über Pfarrhäuser als Orte der Bildungsgeschichte vor

Von Tilman Asmus Fischer

Der große Reformator sitzt mit seiner Familie vor dem Tannenbaum. Die Kerzen brennen, die Kinder schauen andachtsvoll und Martin Luther hält die Laute im Arm. Der populäre Stich aus dem 19. Jahrhundert, der uns vom Weihnachtsfest im „ersten evangelischen Pfarrhaus“ erzählen will, ist anachronistisch – nicht nur, weil Luther noch keinen Weihnachtsbaum kannte. „Er war ja eigentlich auch kein Pfarrer“, sagt Bodo-Michael Baumunk. Dennoch: „Solche Darstellungen sind der Innbegriff des beseelten Pfarrhauses“, fährt er fort. Bilder wie dieses sind wichtige Zeugnisse protestantischer Kulturgeschichte.

Der Ausstellungskurator steht in einem geräumigen Büro des Deutschen Historischen Museums. Hinter ihm Collagen aus Epitaphen, Plakaten und einer Spiegel-Titelseite mit dem Porträt von Bundespräsident und ehemaligem Pfarrer Joachim Gauck. Hier entsteht die Ausstellung „Leben nach Luther – Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses“. Sie wird ab Oktober in Zusammenarbeit mit der Internationalen Martin-Luther-Stiftung und dem Rat der EKD gezeigt werden. Das Projekt nimmt sich eines mit vielen Stereotypen behafteten kulturellen Phänomens an: des Hortes von Bildung, Bürgertum, Spiritualität, Sittlichkeit.

Das Konzept der Ausstellung verspricht einen spannenden Blick auf einen deutschen und europäischen Erinnerungsort, der den Besucher weit über die kirchengeschichtliche Dimension hinausführt. Vielmehr vereint das Thema gleichermaßen auch Geistes-, Wissenschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte. War doch der Pfarrer in den vergangenen Jahrhunderten nicht nur Theologe und Seelsorger, sondern unter anderem auch Regionalhistoriker oder Landwirt. Manch einer wurde zum passionierten Botaniker, Archäologen oder Psychologen. Sein Haus war nicht nur Sitz der gemeindlichen Verwaltung, sondern zudem – und gerade im ländlichen Raum – Zentrum des kulturellen Lebens und Wissensspeicher. Hiervon spricht zum Beispiel ein etwa vier Quadratmeter großes Epitaph aus einer schwedischen Dorfkirche. Es zeigt den Pfarrer mit seinen Verwandten in der häuslichen Bibliothek und wissenschaftlichen Sammlung. Trotz organisatorischer Unwägbarkeiten ist sich Bodo-Michael Baumunk sicher: „Das Gemälde müssen wir zeigen.“

Solche Bilder – sowohl auf der Leinwand als auch in den Köpfen der Menschen – sind jedoch mehr als Darstellungen dessen, „was war“. Vielmehr verfestigen sich in ihnen auch historisch gewachsene Klischees. „Spätestens seit 1800 können wir in Memoiren von Pfarrerskindern eine Stilisierung des Pfarrhauses zur Mutter der deutschen Bildungsgeschichte und inneren Frömmigkeit beobachten“, gibt Bodo-Michael Baumunk zu bedenken. Die Konstruktion des Topos „Pfarrhaus“ freizulegen, ist daher gleichermaßen Ziel der Ausstellung. Daher, verrät der Kurator, wird sich der Aufbau der Ausstellung an zentralen Emblemen orientieren, die das traditionelle Bild des Pfarrhauses und der Pfarrersfamilie prägen.

Diesem stehen heute – unter anderem nach gesellschaftlicher Liberalisierung und Aufweichung des Pfarrdienstrechts – diverse Lebensentwürfe in Pfarrhäusern gegenüber. Auch den Brückenschlag in diese Gegenwart wird die Ausstellung wagen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 13, 31. März 2013.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s