Archive als Wissensspeicher und Identitätsstifter

Heimat-Begegnungen (7)

Seit der deutsch-polnischen Annäherungspolitik sind die kommunalen Archive des historischen Ostdeutschlands für Vertriebene und Landeskundler wieder frei zugänglich. Was jedoch der Verlust eines Archives für das Wissen um die eigene Heimat und Geschichte bedeutet, erlebte Deutschland vor genau vier Jahren, als das Historische Archiv der Stadt Köln am 3. März 2009 im Boden versank. In der aktuellen Ausgabe lesen Sie daher Fragen zu Heimat als Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses an den Vorstandsvorsitzenden der „Stiftung Stadtgedächtnis“, den Historiker und Ex-Banker Dr. Stefan Lafaire. Die Stiftung der Stadt Köln, des Landes Nordrhein-Westfalen, der Evangelische Kirche im Rheinland und des Erzbistums Köln hat sich die Restaurierung der Archivalien zum Ziel gesetzt.

Was bedeutet ein Archiv als Erinnerungsort für die Menschen? Trägt es zum Bewusstsein für die eigene Heimat bei?

Auf jedem Fall ist ein Archiv als Erinnerungsort oder Sammelort für Erinnerung ein Stück Heimat. Es ermöglicht jeder Genration den unmittelbaren Zugang zu den Quellen der Vergangenheit und bewahrt die Individualität des jeweiligen Ortes auf. Insofern ist es natürlich sehr wichtig, diese eigene Geschichte und ihre Dokumente zu erhalten.

Und das Archiv bewahrt letztlich den Menschen die Deutungshoheit über die Geschichte ihrer Stadt und Region und damit ihre eigene Geschichte.

Es gibt jeder Generation die Möglichkeit, selber von den Quellen Rückschlüsse zu ziehen und nicht die Interpretation der vorhergehenden Generation übernehmen zu müssen. Deshalb ist das Archiv eine demokratische Institution, da es die Freiheit schafft, sich dort die Informationen eigenständig zusammenzusuchen, die ja auch nicht vorsortiert oder thematisch geordnet sind. Jeder kann dort an den Originalstücken neu Geschichte schreiben…

… und sich selbst seiner eigenen Identität und Zugehörigkeit zur Region vergewissern.

Absolut: Die meisten Nutzer der Archive sind Familienforscher. Die gucken, was ihre eigene Identität, ihre Familie ist, wo sie herkommen. Gerade auch bei jungen Leuten ist der Wunsch ganz stark, sich der eigenen Vergangenheit, der Vergangenheit der Familie, seiner eigenen Herkunft zu versichern und zu erfahren, wo man eigentlich herkommt.

2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln zusammen. Wie reagierten die Bürger?

Zunächst einmal mit Entsetzen über die beiden Menschen, die dabei ums Leben gekommen sind. Und dann wurde man sich eigentlich erst bewusst, welche außergewöhnlichen Bestände das Historische Archiv der Stadt Köln hat: Aufgrund der mittelalterlichen Bedeutung der Stadt trägt es nicht nur die Erinnerung Kölns, sondern beinhaltet in Dokumenten eine über 1000jährige Geschichte für ganz Europa.

Damit auch für die einzelnen Regionen Europas.

Köln war eine der großen Handelsmetropolen im Mittelalter. Deshalb liegen dort unter anderem auch Teile des Hansearchivs, die 1593 nach Köln in Sicherheit gebracht wurden – also ganz wichtige Dokumente. Oder auch Urkunden zur Geschichte des Deutschen Ordens, der als international agierender Orden auch im Rheinland Niederlassungen hatte.

Wird somit am Kölner Archiv auch nachvollziehbar, dass Europa eigentlich schon immer mehr war als kleine isolierte Landschaften, die für Menschen Heimat waren, sondern auch ein Beziehungsnetz unterschiedlicher Regionen?

Ein ganz enges Beziehungsnetz, eng verflochten. Das geht los mit den mittelalterlichen Kunstwerkstätten, die in Köln waren. Heute findet man überall auf der Welt in jeder Mittelalterabteilung Kunstwerke, die die Handschrift der Kölner Schule tragen. Auch Hans Memling, dessen „Jüngstes Gericht“ im Danziger Nationalmuseum hängt, hat sich bei seinem Reliquienschrein der Heiligen Ursula in Brügge intensiv mit Kölner Geschichte befasst. Damals war Kunst aus Köln prägend für die ganze christliche Welt und auch in späteren Zeiten war der Handel und der politische Einfluss in ganz Europa präsent.

Insofern ist der Verlust eines Archives an einem Ort auch ein Verlust für viele andere Regionen, an die man im ersten Moment vielleicht gar nicht denkt.

Richtig – in den Archiven finden sich ja viele Querverweise und nicht nur lokale Stücke. Man muss dann suchen, wo historische Beziehungen vorhanden sind und in welchen Archiven daher die entsprechenden Dokumente liegen können.

Seit 2011 sind Sie Vorstandsvorsitzender der Stiftung Stadtgedächtnis. Wie versuchen Sie, den Bürgern zu vermitteln, dass die Archivalien große Bedeutung für sie persönlich und ihre Heimat haben?

Es konnten ja zum Glück 95 % der Archivalien geborgen werden, die jedoch zu 100 % restaurierungsbedürftig sind. Nun geht es darum, aufzuzeigen, welche Schätze darin liegen. Vom Kleingartenverein bis in die internationale Politik. Von mittelalterliche Schätzen, über Konrad Adenauers weitsichtige städtebauliche Konzeption, bis hin zu privaten Nachlässen. Es gibt eigentlich für jeden etwas Interessantes in dem Archiv und das versuche ich immer zu zeigen: Auch für Sie ist etwas enthalten, was für Sie wichtig ist.

Neben dem Amt in der Kölner Stiftung lehren Sie unter anderem an der Zeppelin Universität für Wirtschaft, Kultur und Politik in Friedrichshafen. Zurzeit geben Sie dort ein Seminar zum Thema „Archiv – Die Organisation des Vergessens“. Worum geht es genau?

Es geht darum, mit jungen Menschen darüber zu diskutieren, wie wichtig Erinnern ist, um die eigene Persönlichkeit zu konstituieren. Dass Erinnern und Wahrheit nicht unbedingt zusammenfallen müssen, sowohl im individuellen, wie auch im kollektiven Gedächtnis. Wie funktioniert überhaupt kollektives Gedächtnis? Wie wird Geschichte tradiert? Ist mündliche Überlieferung weniger geschichtstreu als schriftliche Überlieferung?

Letzte Frage wird in der Geschichtswissenschaft viel diskutiert. Welchen Wert haben subjektive Zeitzeugenberichte, die meist auch Einblicke in das regionale, lokale Umfeld des Zeitzeugen – seine Heimat – vermitteln?

Zunächst ist die Frage: Werden solche Zeitzeugendokumente aufgefangen? Aber in einem Archiv sind natürlich auch persönliche Tagebücher und Straßeninterviews erhalten. Diese runden das Bild ab. Und es gibt nicht die Einheitsmeinung, die offiziell gelehrte. Sondern es gibt sicher zu jedem historischen Ort und Moment ganz vielfältige Wahrnehmungen. Die werden von jedem ganz individuell anders sein. Aber zusammengenommen und mit historischem Abstand betrachtet, lassen sie ein Gesamtbild erahnen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 3/2013.

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