Coach für den Gottesdienst

Die pädagogischen Methoden von Pfarrer Gerd Kerl wurden zum Erfolgsmodell

Von Tilman Asmus Fischer

Ein Bibelwort hat das Leben von Pfarrer Gerd Kerl ganz besonders geprägt, und er sagt es gern auf Englisch: „To equip the saints“ – „Damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes“ (Epheser 4,12). Im vergangenen Herbst ist er als Leiter des Instituts für Aus-, Fort und Weiterbildung der Evangelischen Kirche von Westfalen in Schwerte in den Ruhestand gegangen. Oder eher in den „Unruhestand“, wie seine Freunde bestätigen. Denn etwa als Vorstandsmitglied der Liturgischen Konferenz in der EKD will er noch längere Zeit aktiv bleiben.

Dabei war Gerd Kerl selbst nur von 1977 bis 1981 nach seinem Vikariat als Pfarrer in einer Gemeinde tätig, um diese „für das Werk des Dienstes“ zu rüsten. Das war in Hagen-Haspe im östlichen Ruhrgebiet. Schon bald schlug jedoch Kerls „pädagogisches Eros“ durch, das er sich erhalten hatte. Denn ursprünglich wollte er Lehrer für Deutsch und Religion werden.

So wechselte der Pfarrer zum ökumenischen Dienst an den Schulen in Dortmund. „Das waren einige Jahre theologischer Wanderzirkus“, erinnert er sich heute noch gern. Nach elf Jahren sprach ihn dann eine Stellenausschreibung an: Leiter der neugegründeten landeskirchlichen Arbeitsstelle Gottesdienst. Gerd Kerl bewarb sich und wurde ausgewählt. So kam er in eine Position, in der er nicht nur konzeptionell an der Frage der Gottesdienstgestaltung arbeiten, sondern auch sein pädagogisches Talent weiter entfalten konnte.

1992 lag gerade die Arbeit am neuen evangelischen Gottesdienstbuch in den letzten Zügen. Der Arbeitsstelle oblag es, den Entwurf in den Gemeinden vorzustellen und zu diskutieren. Wesentliche Neuerungen waren die Betonung der Balance zwischen traditioneller liturgischer Regelform und Gestaltungsfreiheit im Gottesdienst sowie der Wahrnehmung des Priestertums aller Gläubigen. „Der Gottesdienst wird unter der Verantwortung und Beteiligung der ganzen Gemeinde gefeiert“ heißt es im neuen Gottesdienstbuch.

Die theoretische Auseinandersetzung mit diesen neuen liturgischen Qualitätskriterien war Gerd Kerl jedoch nicht genug. Begeistert von neuen pädagogischen Methoden etablierte er in den 1990er Jahren ein Erfolgsmodell, das heute bereits andere EKD-Landeskirchen von der Westfälischen übernommen haben: Gottesdienstcoaching. Pfarrer, die das Gefühl haben, ihre Gemeinde nicht mehr zu erreichen oder mit liturgischen Praktiken hadern, werden auf eigenen Wunsch von eigens dafür ausgebildeten Kollegen beraten. Dabei geht es jedoch nicht darum, dass ein Pfarrer vom „Coach“ mit einer Fundamentalkritik an seinem Gottesdienst konfrontiert wird. „Unsere erste Frage ist immer: Was ist das konkrete Problem, das du selbst bei dir entdeckst?“ Hieran werde dann im Gespräch gearbeitet, um dem Pfarrer zu ermöglichen, sich selbst zu professionalisieren, erläutert Kerl.

2000 ging die Arbeitsstelle in dem neu gegründeten Weiterbildungs-Institut auf, deren Leitung Gerd Kerl übernahm. Hier konnte das Coaching-Angebot weiter ausgebaut werden. Heute sind 36 Berater allein in Westfalen tätig. Nun hat Pfarrer Carsten Haeske die Führung übernommen. Für dessen Amtszeit wünscht Kerl vor allem eine größere Nachfrage an Gottesdienstcoaches. „Leider haben viele Pfarrer eine zu große Scham, sich beraten zu lassen, da sie ihre Professionalität in Frage gestellt sehen“, bedauert Kerl. Jedoch geht er davon aus, dass sich das Modell etabliert.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 8, 24. Februar 2013.

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