„Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – theologische Überlegungen

Heimat-Begegnungen (6)

„Unsere Heimat aber ist im Himmel“ schreibt der Apostel Paulus an die Philipper – brauchen Christen also keine Heimat auf Erden? Unsere Lebenserfahrungen sagen uns, dass dem nicht so ist. Sie zeigen uns aber auch: Glaube und religiöse Werte prägen unser Leben im Diesseits – geben uns Orientierung und strukturieren das Zusammenleben. Sie tragen dazu bei, dass wir Heimat finden. Dr. Dominik Klenk, Leiter des Basler Brunnen Verlags, war über Jahre Prior der ökumenischen „Offensive Junger Christen“, die sich für einen Bewusstseinswandel in und außerhalb der Kirchen einsetzt und sich dem „Miteinander von gemeinsamem Leben, geistig-geistlicher Reflexion und gesellschaftlichem Wirken“ verpflichtet sieht.

Herr Klenk, die Kirchen verstehen sich als weltweite Gemeinschaft, die Kirchengemeinden als Gemeinschaften vor Ort – ist das heutzutage romantisch und weltfremd, oder doch noch ein tragfähiges Konzept, das den Menschen Halt geben kann?

Gemeinschaft ist ein Ankerpunkt, vermutlich ein sehr zeitüberdauernder Ankerpunkt, was das Thema Heimat angeht. Heimat verinnerlicht sich zweifelsfrei in konkreten Orten. Aber unsere Zeit lehrt uns, dass Orte kommen und gehen. Migrationen gehörten immer schon zu menschlichem Leben. Was heute neu ist, ist die Mobilität, also ein beschleunigtes Leben, das uns immer häufiger Ortswechsel vornehmen lässt. Dann drängt sich die Frage auf: was beheimatet mich, wo bin ich beheimatet? Gemeinschaft, tragfähige Beziehungen, das ist natürlich immer ein Anfang, um sich wieder neu zu verankern, um zu sich selbst zu kommen, um sich fallen zu lassen. Ich bin der Überzeugung, dass Gemeinschaft etwas sehr kostbares und zerbrechliches ist, das gepflegt werden muss. Auf der anderen Seite auch etwas sehr kraftvolles und vitales. Denn wer in tragfähige Beziehungen verwoben ist, hat immer einen Ausgangspunkt, um sich auch an einem neuen Ort auf Menschen einzulassen …

… und die Beziehung zum gemeinsamen Glauben macht es möglich, Menschen zu finden, die aufgrund des Bekenntnisses ebenfalls wieder Anknüpfungspunkte bieten.

Auf jeden Fall. Ich denke, man braucht Gehilfen, die einem Türen öffnen, und zwar konkrete Türen – Haustüren – ebenso wie kulturelle Türen, um sich an Orten neu zu verwurzeln und einen vorhandenen Raum als künftige Heimat zu gewinnen. Psychohistorisch gesehen ist das Paradigma unserer Zeit das Paradigma der Beschleunigung. Das heißt, wir leben in einer Zeit, die unmerklich das psychosoziale Leben beschleunigt. Und gegenüber dieser Beschleunigung braucht es Ankerpunkte, um einfach nicht den Halt und damit letztlich die Orientierung zu verlieren. Dabei ist das Gestalten von konkreten Räumen, das Gestalten von Zuhause – das Einwurzeln – meines Erachtens ein ganz entscheidender Punkt, der aber weithin unterschätzt wird. Gerade die junge Generation lebt zuweilen nach dem Motto: „Zu Hause bin ich, wenn ich meinen Laptop dabei habe.“ Da ist was dran: Heute kann man durch die ‘neuen Medien’ ein relativ flexibles Netzwerk aufbauen, mit dem man in Kontakt treten und bleiben kann. Aber das ist noch nichts, was wirklich belastbar wäre. Davon bin ich überzeugt. Das erfährt man zum Beispiel, wenn man beginnt, Kinder zu haben: Kinder sind eben nicht in digitalen Welten zuhause, auch wenn man das werbetechnisch gerne suggeriert. Sondern sie sind dort zuhause, wo ein stabiles Beziehungsumfeld und stabile konkrete Schutzräume vorhanden sind…

… also Ehe und Familie im christlichen Sinne.

Diese Art Heimat, Schutz- und Ruheräume, die Kinder brauchen, können sich in ihrer ganzen Größe und Tragkraft nur in Konstellationen entfalten, wie wir sie in Ehe und Familie vom christlichen Menschenbild her ableiten. Weil ansonsten etwas Entscheidendes fehlt: Zum Beispiel der Vater oder die Mutter oder die Mehraltrigkeit, sprich verschiedene Generationen, die nötig sind, um ein Kind in einem Generationengeschehen zu verwurzeln.

Zur Zeit erfährt das Familienbild in unserer Gesellschaft und vor allem in der Tagespolitik eine gewisse ‘Wandlung’. Bedeutet diese sich ankündigende Umdefinition von ‘Familie’ auch einen Heimatverlust?

Sicherheit und Orientierung hängen damit zusammen, dass es so wie beim Kompass einige unumstößliche Linien gibt: Nord, Süd, West, Ost. Einen Kompass für das menschliche Zusammenleben zu haben bedeutet, dass man unterscheiden kann zwischen Mann und Frau, zwischen Großvater und Enkel, zwischen verheiratet und unverheiratet. Und wenn diese Orientierungspunkte nivelliert werden im Sinne einer Ideologie, die sagt: „Wir konstruieren unsere Wirklichkeit, wie sie uns passt“, wenn also Geschlechter- und Generationsgrenzen verschwimmen, dann verliert man natürlich die Bezugsgrößen, die das Leben in ihrem Reichtum erst gestalten können, weil sie eben einen Unterschied machen, Spannungsfelder ertragen und nicht alles auf Gleichgültigkeit hin ausrichten.

Das sind die Herausforderungen, die unsere Gesellschaft an die weltliche Heimat stellt – wie jedoch steht es mit der himmlischen Heimat, die uns Menschen prophezeit ist? Provokant gefragt: Macht nicht die himmlische Heimat für einen gläubigen Christen die weltliche Heimat überflüssig?

Wir sind dieser Welt mit einer gewissen Schwerkraft verhaftet. Die kann man physikalisch messen. In der geistlichen Dimension kann man es etwa so ausdrücken: Wir leben nach dem Sündenfall nicht mehr im selben Raum und der selben ungebrochenen Nähe zum Schöpfer. Dennoch dürfen wir ganz gewiss sein: Was hier und heute stattfindet, gehört in den Raum des Vorletzten. Demgegenüber gibt es einen Raum des Letzten und der hat seit Golgatha und Auferstehung wieder Ewigkeitscharakter. Und darum kann Paulus – mit der Jahreslosung für 2013 – an die Hebräer schreiben: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 14). Das ist vollkommen richtig und erinnert daran: Der Horizont der Ewigkeit ist das Ziel, auf das wir zuleben. Trotzdem ist ihm sehr wohl bewusst, dass wir im Hier und Jetzt das Bedürfnis haben nach Heimat, das Bedürfnis haben nach Sicherheit – und es ist ein lauteres Bedürfnis. Aber es ist nicht ein Bedürfnis, das unsere gesamte Energie, Konzentration und Anstrengung in Anspruch nehmen soll. Denn wir leben ja auf das Kommende hin. Wir leben im Vorletzten unter den Bedingungen der Schwerkraft dieser Welt, aber wir erleben immer mal schon Momente mit Ewigkeitswert, die uns an unsere himmlische Heimat erinnern. Etwa im Staunen über einen Sonnenaufgang, ein Moment besonderer Ursprünglichkeit. Oder Momente in denen uns selbstlose Liebe begegnet, Momente der Versöhnung zwischen Menschen u.a. Dieses „schon jetzt, aber eben noch nicht ganz“ zu gestalten braucht Spannkraft, aber es ist eben auch das große Vorrecht von Christen, solche Momente mit dem Zukünftigen hoffnungsvoll verbinden zu können: Christus läuft uns vom Ende der Tage mit ausgestreckten Armen entgegen. Das ist ein ungeheurer Trost.

Ist somit die Gestaltung der irdischen Heimat schon der Weg hin zur himmlischen Heimat?

Romano Guardini hat es einmal so ausgedrückt: „Gastfreundschaft heißt, einander Rast gewähren auf dem Weg zum ewigen Zuhause.“ Einander ein Stück Heimat geben, das ist ein kleines Angeld auf die Ewigkeit. Wir haben kein Patent auf solche Momente, aber sie können uns immer wieder mal geschenkt werden.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 2/2013.

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