Der Traum der Baronin

Die Deutschbaltin Babette von Sass kämpft für die Orgel in der Petrikirche von Riga

Von Tilman Asmus Fischer

„Ich bin eine alte Rigenserin und ich will die Orgel“, sagt Babette von Sass mit großer Bestimmtheit. Die Baronin aus baltischem Uradel hat sich seit Jahrzehnten die Kulturpflege der Deutschbalten und die Verständigung zwischen Deutschen, Letten und Esten auf die Fahnen geschrieben. Es begann beim Abschlussgottesdienst der von ihr initiierten deutsch-lettischen Kulturtage in Riga 2008. „Wir saßen in der Petrikirche, sangen zu Klaviermusik und plötzlich dachte ich: Das ist doch furchtbar, dass es hier keine Orgel gibt“, erinnert sie sich.

1941 waren die romantische Walcker-Orgel und der Turm der ältesten Kirche des Baltikums im Krieg zerstört worden. Der Turm der Petrikirche war 1984 wieder aufgebaut worden, doch nicht die Orgel. Schon 1939, zwei Jahre vor der Zerstörung der Kirche, mussten die Deutschbalten das Baltikum verlassen. Die Familie der 1937 in Riga geborenen Babette von Sass kam nach Posen, wo ihr Vater eine Stelle als Oberforstmeister annahm. Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete die Adelsfamilie nach Norddeutschland. Die Baronin absolvierte eine Ausbildung zur Buchhändlerin und gründete 1959 in Lüneburg eine Familie. „Zwar habe ich keine Erinnerungen mehr an Lettland vor dem Krieg, wenn man mich aber nach meiner Heimat fragt, sage ich immer, das sei das Baltikum“, berichtet sie heute. Deshalb liegt ihr auch die Rigaer Orgel besonders am Herzen. Gemeinsam mit lettischen Partnern gründete sie 2011 die „Orgel-Stiftung Petrikirche Riga“.

Diskutiert wurde darüber, wie die neue Orgel aussehen soll. Schließlich beschloss man, sich an der ersten Orgel der Petrikirche zu orientieren, einem Barock-Instrument. Bereits im Herbst sind Vermessungen vorgenommen worden. Der Bau könnte beginnen. 1,6 Millionen Euro sind dafür nötig. Babette von Sass ist fest davon überzeugt, dass diese Summe zusammenkommt.

Einen Beitrag dazu erbringen Benefiz-Konzerte deutscher und osteuropäischer Musiker in Deutschland und der Schweiz. Am 5. Januar gab es ein Konzert in der Berliner Pfarrkirche Alt-Pankow, ein weiteres am 4. Februar in der Basler Peterskirche. Organisiert wurde es vom Schweizerisch-Baltischen Komitee, das 1948 von deutschbaltischen Flüchtlingen gegründet worden war. So stehen die Chancen gut, dass bald wieder eine Orgel in der Rigaer Petrikirche erklingen kann. Zwar noch nicht 2014, wenn Riga europäische Kulturhauptstadt sein wird, bedauert Baronin von Sass, vielleicht aber im Jahr darauf.

Vor Baubeginn wird möglicherweise eine eigentumsrechtliche Frage zu klären sein. Zwar steht die Petrikirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands für Gottesdienste zur Verfügung, doch seit 1939 ist sie Eigentum der Stadt Riga. Davon will Babette von Sass ihr Orgel-Projekt jedoch nicht behindert sehen. Kurzerhand sprach sie darum im vergangenen Jahr bei der lettischen Kultusministerin Žaneta Jaunzeme-Grende und sogar bei Staatspräsident Andris Bērziņš vor und überzeugte sie, den Orgelbau unabhängig von der Lösung der Eigentumsfrage zu unterstützen.

Dass die Orgel fertig wird, ist für die Baronin Ehrensache: „Wie sähe das denn aus, wenn mir das nicht gelänge, als alter Rigenserin und dann auch noch von Adel.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 6, 10. Februar 2013.

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