Gemeinschaft mit Ausstrahlung

Die St. George’s Church in Berlin-Westend ist eine lebendige Auslandsgemeinde der Kirche von England

Von Tilman Asmus Fischer

„Neben der Orgel hängt der Union Jack, an den Kirchenbänken erinnern Wappen an die nach 1945 in Berlin stationierten britischen Regimenter. In der St. George’s Church in Berlin-Westend wurden bis 1994 die Gottesdienste noch mit „God Save the Queen“ beschlossen. Dies endete mit dem Abzug der englischen Verbände nach der deutschen Wiedervereinigung. Die Militärkirche wurde in eine zivile Gemeinde umgewandelt, eine Auslandsgemeinde der Church of England.

Als solche muss sie sich manchen Herausforderungen stellen, die evangelischen oder katholischen Gemeinden in der Bundeshauptstadt fremd sind. Jedoch hätten alle Nachteile auch ihre Vorteile, weiß Reverend Christopher Jage-Bowler, der der Gemeinde seit 1996 vorsteht. Das gilt zum Beispiel für ihre rechtliche Stellung. Kirchengemeinde im eigentlichen Sinne ist sie nur aus Sicht der Church of England, während sie in Deutschland lediglich als eingetragener Verein firmiert. Daher erhält sie auch keine Kirchensteuer und hat ein nur recht bescheidenes Budget.

„Eigentlich bin ich hier der einzige bezahlte Mitarbeiter“, schmunzelt Jage-Bowler, möchte jedoch nicht mit anderen Gemeinden tauschen. Denn die knappen Kassen erfordern, dass sich jedes Gemeindeglied einbringt. Das schweißt die Menschen zusammen.

Die hier gelebte Gemeinschaft hat eine Ausstrahlungskraft, die auch über die englischsprachige Diaspora hinausreicht: Inzwischen findet sich bereits eine nicht geringe Zahl deutscher Besucher in den Gottesdiensten. Viele kommen wegen der reichen Gottesdienst-Liturgie in das anglikanische Gotteshaus. „Das findet man in den meisten evangelischen Kirchen leider nicht“, bedauert Klaus Brackmann. Er hatte die anglikanische Kirche in Gambia kennengelernt, wo er als Arzt tätig war. Nach seiner Rückkehr nach Berlin entschied sich der Protestant zum Übertritt zu den Anglikanern.

Trotz der wachsenden Zahl deutscher Gemeindeglieder steht für Jage-Bowler allerdings fest: „Hauptziel unserer Arbeit ist es, Gottesdienste in englischer Sprache anzubieten.“ Sie gebe den Predigten, Gebeten und Liedern eine „besondere Leichtigkeit“, sagt er. Zudem sei es für die englischsprachigen Christen wichtig, dass sie hier ihre Muttersprache hören und sprechen können. „Für viele von uns ist diese Gemeinde eine Heimatgemeinde“, weiß Jage-Bowler. Daher prägt die Pflege landeseigener Traditionen die kirchlichen Aktivitäten. Dazu zählt beispielsweise der „very british“ Weihnachtsmarkt im viktorianischen Stil, mit Sternsingern und britischen Spezialitäten.

Jedoch sieht sich die Gemeinde nicht nur der heimatlichen Tradition, sondern zugleich auch Berlin als historischem Standort verpflichtet. „Wir haben hier eine besondere Aufgabe: Nach Ende des Kalten Krieges und der Teilung müssen wir unseren Beitrag zur Versöhnung leisten und Gottes Wort in der wiedervereinten Stadt verkünden“, sagt Jage-Bowler. Daher werden die Gottesdienste nicht nur in der eigenen Kirche im Westen Berlins gehalten, sondern jeden Sonntag auch ein Abendgottesdienst in der St. Marienkirche in Berlin-Mitte.

Nur ein paar Straßen von hier entfernt war die St. George’s Gemeinde einst entstanden. 1885 wurde unter Schirmherrschaft der deutschen Kronprinzessin Victoria die erste St. Georges-Kirche auf dem Gelände des Schlosses Monbijou errichtet. Victoria, die Gattin des späteren Kaisers Friedrich III., entstammte selbst dem englischen Königshaus. Auch ihr Sohn, Kaiser Wilhelm II., hielt als Patronatsherr während des Ersten Weltkriegs seine Hand über die anglikanischen Gottesdienste. Eine Form dynastischer Pflichterfüllung, die im Zweiten Weltkrieg jedoch nicht mehr denkbar war.

1939 musste die Kirche ihre Türen schließen – in den letzten Kriegsjahren wurde das Gotteshaus durch Fliegerbomben beschädigt. Die Kirchenruine im Ostteil Berlins wurde 1949 abgerissen. Die Tradition der Gemeinde führte die britische Militärseelsorge in West-Berlin weiter.

Heute erlebt die Auslandsgemeinde St. George’s ein Kommen und Gehen. Immer wieder suchen englischsprechende Menschen, die frisch nach Berlin gezogen sind, hier einen Gemeindeanschluss. Andere ziehen wieder weg. So ist etwa ein Drittel der Gemeinde im ständigen Wandel begriffen. In den vergangenen 20 Jahren brachte die Gemeinde fünf anglikanische Priester hervor: Menschen, die hier ihre Berufung entdeckten und sich für ein Studium in Großbritannien entschieden. Damit konterkariert die Gemeinde die Sorgen der Kirchen in Deutschland und liegt ganz im Trend ihrer Mutterkirche: Unter Pfarrermangel leidet die Church of England nicht.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 5, 3. Februar 2013.

Weitere Informationen zur Gemeinde unter: http://www.stgeorges.de

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