Traumatische Erlebnisse in Ostpreußen

Christlicher Glaube hilft bei der Vergangenheitsbewältigung

In den vergangenen Jahren erschien eine ganze Reihe von Lebenserinnerungen aus dem Themenkreis „Flucht und Vertreibung“ – alle haben für sich ihren eigenen Wert. Nun ist jedoch mit „1945: Die Schatten der Flucht“ ein Selbstzeugnis erschienen, das durch seinen besonderen Ansatz besticht:

Ursula Pasut erzählt ihr Schicksal nicht ausgehend von ihrem Leben in der Heimat und den Ereignissen im Winter 1945. Vielmehr nähert sie sich dem Geschehenen, indem sie die eigene Aufarbeitung ihrer Traumata beschreibt. Zudem reflektiert die Autorin, die über Jahrzehnte als Missionarin tätig war, ihr Schicksal vor dem Hintergrund der biblischen Verheißungen und geht auf die Suche nach den Spuren Gottes auf ihrem Lebensweg. Damit ist ihr Buch mehr als nur eine Schicksalsbeschreibung, sondern gleichzeitig Zeugnis des Glaubens und der seelischen Heilung.

Der Bericht setzt Jahrzehnte nach der Vertreibung auf dem Moskauer Flughafen ein. Ursula Pasut ist auf der Reise nach Indonesien zu einem neuen Diensteinsatz, erstmals fliegt sie über Russland. Schon in der Vorbereitung ist ihr auf unerklärliche Weise mulmig zumute und sie hofft, dass ein Zufall kurzfristig den Flug verhindern möge. Als in Moskau russische Soldaten die Pässe der Reisenden kontrollieren, brechen die Erinnerungen auf. Seit Kriegsende wurden in ihrer Familie die damaligen Ereignisse verdrängt und ein großes Schweigen darüber ausgebreitet. Nun folgen weitere Ereignisse und Begegnungen – göttliche Fügungen, die Ursula Pasut hierin erkennt. Sie merkt, „ich habe nur eine dünne Haut über den Verwundungen, die in meiner Seele schlummern.“ Die Autorin will „ernst machen“ und sich ihrer Geschichte stellen.

Es ist die Geschichte einer Sechsjährigen, deren Familie auf der Flucht aus dem Kreis Ortelsburg (Ostpreußen) von der Roten Armee überrollt und zur Rückkehr in das Heimatdorf – freilich nicht auf den eigenen inzwischen enteigneten Hof – gezwungen wird. Es folgt nach Monaten der Abtransport mit dem Zug in die Besatzungszonen: Auf freier Strecke werden die beiden mit Vertriebenen überfüllten Viehwagons abgehängt und von einer Plündererbande attackiert. Das inständige Gebet einiger wird jedoch erhört und es erscheint ein sowjetischer Kommandant, der die Deutschen entgegen der ihm gegebenen Weisungen im Transportzug seiner Einheit mitfahren lässt: „Nun hatte der russische Kommandant uns aus der Gewalt der polnischen Behörden gerettet. Gott hatte sein Herz bewegt. Er wurde zu einem Engel der Rettung für uns Flüchtlinge. Das hatten auch wir Kinder verstanden. Ich werde es nie mehr vergessen können und auch nicht wollen.“

Ursula Pasut überzeugt durch Ehrlichkeit und Offenheit – nicht nur in der Beschreibung persönlicher Erfahrungen mit Gott. Hierzu wird in der Öffentlichkeit in der Regel eher geschwiegen, als dass man einen so tiefen Blick in die eigene, ungeschützte Seele zulässt. Arglos und vertrauensvoll schildert die Autorin ihre persönlichen Erkenntnisse. Für manchen selbst Betroffenen mag es eine heilsame Lektüre sein, die Phasen der emotionalen Aufarbeitung nachzuvollziehen: Die Öffnung für verdrängte Traumata, die Integration der schmerzlichen Erinnerungen in die eigene Identität und den wohl entscheidenden Schritt, die „weggesteckten“ Schmerzen zuzulassen und bewusst zu durchleben.

Über diese Erfahrungen zu schreiben, erfordert Mut. Den beweist sie, indem sie Gefühle und Gedanken niederschreibt, die aus Sorge, nicht verstanden zu werden, oft lieber verschwiegen werden. So schildert sie zum Beispiel ihre von sich selbst als quälend empfundene Abneigung gegen russische Soldaten: „Rückblickend war es für mich selbst erstaunlich, dass der Groll gegen ein Volk sich so lange im Herzen halten kann. Mein Verstand sagte mir doch: «Es ist ein russischer Kommandant gewesen, der die Entscheidung fällte, seine Autorität und Möglichkeiten zu nutzen, um eine Gruppe deutscher Flüchtlinge aus ihrer lebensbedrohlichen Situation zu retten!» Doch trafen die Verstandes- und die Gefühlsebene nicht automatisch zusammen.“ Hier wird das traumatische Erleben von Ungewissem und Unverständlichem in der Kindheit wirkmächtig: Brutale Kriegsgewalt, viele Misshandlungen und Vergewaltigungen und die große Angst und Not in ihrer unmittelbaren, familiären Umgebung.

Es gibt noch viel mehr, was die Autorin nicht versteht und was sie sich nachträglich angeeignet hat. Um den Kontext von Flucht und Vertreibung und die Heimat Ostpreußen den Lesern nahe zu bringen, fügt sie Erklärungen in den Text ein, die bisweilen mangelhaft (und historisch unhaltbar) sind. Leider benutzte die Autorin als Quelle eine Kurzdarstellung aus einer von polnischen Historikern entwickelten „Illustrierten Geschichte der Flucht und Vertreibung“, die erst 1939 beginnt. Und für die Beschreibung Ostpreußens werden auf weniger als zwei Seiten komprimiert Zitate aus dem Ostpreußenlied mit Beschreibungen von Agnes Miegel durcheinander gebracht. So entstehen im Buch fragwürdige Schlussfolgerungen, wie etwa, dass Ostpreußen „von der Landkarte verschwunden“ sei und es als „geographische Realität“ nicht mehr existiere. Richtig ist nur, dass der südliche Teil nun zum Staat Polen gehört.

Noch störender ist jedoch, dass das farbige Porträt einer weiblichen Schönheit auf dem Titelbild, das in historische Aufnahmen von der chaotischen Flucht im Winter 1945 hinein montiert ist, der historischen Tragik nicht wirklich gerecht wird. Es erinnert eher an eine Romanze, als an die schmerzliche Aufarbeitung des Schicksals einer im Ruhestand lebenden Frau, die sich in der weiten Welt als Botschafterin Gottes bewährte, aber im Schatten der Ereignisse von 1945 persönlich seelisch verletzt wurde.

Das Buch kann sehr wohl Mut machen, sich dem eigenen Selbst und den eigenen Schmerzen zu stellen. So jedenfalls hat Ursula Pasut im Vertrauen auf Jesus Christus Jesajas Prophezeiung verstanden: „Er hat unsere Schmerzen getragen, durch seine Wunden ist uns Heilung geworden“. Hiervon dürfen sich Mitglieder der Erlebnisgeneration ebenso angesprochen fühlen, wie Nachgeborene – denn die Aufforderung Jesu gilt allen, die mühselig und beladen sind. Eine neue, verbesserte, Auflage ist diesem Buch sehr zu wünschen, denn es führt exemplarisch eine authentische Aufarbeitung der Belastungen von Flucht und Vertreibung vor Augen.

Ursula Pasut: 1945: Die Schatten der Flucht. Traumatische Erlebnisse in Ostpreußen – und die Geschichte einer späten Heilung. Basel (Brunnen Verlag) 2012. 144 S., acht farbige Fotoseiten, Taschenbuch. Preis: 8,99 Euro. ISBN 13: 978-3-7655-4177-3 .

sidre / Tilman Asmus Fischer (DOD)

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst, Nr. 1/2013.

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