Versöhnung über Gräbern

Pfarrer Helmut Brauer setzt sich für die Restaurierung evangelischer Friedhöfe in Polen ein

Von Tilman Asmus Fischer

Eigentlich war Helmut Brauer nur auf der Durchreise von Lettland nach Lübeck, als er im Herbst 2007 mit einem Freund in Posen Station machte. In der Stadt, in der er 1942 als Sohn von Wilhelm Brauer, Pfarrer im nicht weit entfernten Obornik, geboren wurde. An das Posener Land, das mit dem Vertrag von Versailles 1919 weitestgehend Polen zugesprochen, 1939 jedoch wieder vom Deutschen Reich annektiert und dem „Reichsgau Wartheland“ einverleibt wurde, hat er keine Erinnerung. Das Pfarrhaus seines Vaters kennt er nur von Fotos.

Spontan machten die Freunde einen Abstecher nach Obornik. Auf einmal sah Helmut Brauer den Ort vor sich, den er nur aus den Erzählungen seiner Eltern kannte – ein einschneidendes Erlebnis für den früheren Pfarrer der Lübecker Johann-Hinrich-Wichern-Gemeinde. Bald ergaben sich Kontakte zu Menschen vor Ort, die großes Interesse an der Geschichte ihrer Stadt vor 1945 haben. Er traf auch Menschen, die seinen Vater noch persönlich kannten und ihm von der Vergangenheit erzählen konnten.

Brauer interessieren vor allem Berichte über die Ereignisse vom September 1939. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September, der den Zweiten Weltkrieg auslöste, wurden auf Befehl polnischer Behörden Tausende polnische Staatsangehörige deutscher Nationalität interniert. Auf den Verschleppungsmärschen und bei anderen Ausschreitungen, zum Beispiel in Bromberg, verloren etwa 4 500 Deutsche ihr Leben, allein 216 aus dem Kreis Obornik. Helmut Brauers Vater beteiligte sich an der Suche nach den meist anonym verscharrten Toten aus seiner Gemeinde und bestattete einen Großteil von ihnen. All dies dokumentierte er schriftlich und mit seiner Leica-Kamera. Die so entstandenen Dokumente regen Helmut Brauer zu tiefgehenden Archivrecherchen in Polen an – auf den Spuren seines Vaters und dessen Gemeinde. Ohne die Kontakte zur heutigen Bevölkerung wäre all dies undenkbar. Besonders eng ist der Kontakt zu Adam Malinski. Der aus Zentralpolen stammende Lehrer setzt sich für die Erinnerung an die einstigen Bürger Oborniks ein, die sich nicht nur durch Nationalität, sondern auch durch Konfession von den heutigen fast ausschließlich polnisch-katholischen Einwohnern unterschieden. Mit Gleichgesinnten beginnt er, noch erhaltene evangelische Friedhöfe zu restaurieren.

2011 gründete sich der „Verein zur Revitalisierung der evangelischen Friedhöfe“, mit dem Brauer eng zusammenarbeitet. Im Mai 2012 reiste er wieder einmal in den Kreis Obornik, um in einem Gottesdienst an einer Segnung eines restaurierten Friedhofs durch seinen katholischen Amtsbruders Ryszard Kaluzny teilzunehmen, diesmal in Boruchowo. Dessen Worte, „wir müssen hierher auf diesen Friedhof zurückkehren, die hier Ruhenden besuchen und für sie beten“, hätten ihn ergriffen, sagt er. Inzwischen fand im Oktober 2012 eine weitere ökumenische Andacht auf dem Friedhof in Slepuchowo bei Obornik statt.

Viele weitere Projekte stehen noch auf Brauers Agenda: So würde er gern die im Staatsarchiv Posen aufbewahrte Totenkartei digitalisieren. Namen und Daten der Opfer vom September 1939 sollen der Forschung und Öffentlichkeit frei zugänglich sein. Zudem plant er mit Adam Malinski, einen Gedenkstein in der Grünanlage von Obornik zu errichten, wo sich einst der evangelische Friedhof befand.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 2, 13. Januar 2013.

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