Bananen zu Weihnachten

Eine Ausstellung in der Erinnerungsstätte Notaufnahme Marienfelde erzählt die Geschichte der Freikäufe von DDR-Häftlingen. Die Rolle der evangelischen Kirche kommt dabei etwas zu kurz

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin in ihrer Sonderausstellung präsentiert: „Freigekauft – Wege aus der DDRHaft“. Es ist bundesweit die erste Ausstellung, die darstellt, wie ein Drittel der politischen Häftlinge aus den DDR-Gefängnissen durch die BRD freigekauft wurde: gegen Geld und Güterlieferungen. Von 1963 bis 1989 kamen über 33 000 politische Häftlinge aus Gefängnissen der DDR frei – Menschen, die zumeist wegen Fluchtversuchen, Fluchthilfe oder Widerstandshandlungen vom SED-Regime verfolgt und inhaftiert worden waren. Im Gegenzug erhielt die DDR Warenlieferungen im Wert von über drei Milliarden DM.

Die Ausstellung leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte. Jedoch offenbaren sich dem kritischen Besucher auch Lücken, die in Zukunft geschlossen werden sollten. „Die Ausstellung ist grundsätzlich gut gemacht, wenn auch die politische Bewertung fehlt“, merkt die ehemalige Bundesgeschäftsführerin der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Sibylle Dreher, an. „Das ist zwar nicht Aufgabe eines Museums. Allerdings hätte man die politischen Bewertungen des Häftlingsfreikaufs in seiner Zeit reflektieren müssen.“

Viel erfährt der Besucher über die Haftbedingungen, die Aushandlung und praktische Abwicklung der Freikäufe sowie die Integration der Befreiten im Westen. Jedoch fragt man sich, ob es bei den entscheidenden Stellen nicht jenseits technischer Bedenken und Komplikationen auch grundsätzliche Diskussionen über Sinn und Zweck der Freikäufe gab. Mit dieser Frage bleibt der Besucher alleine. Gravierender noch als diese Auslassung ist jedoch die Art und Weise, in der die evangelische Kirche in die historischen Vorgänge eingeordnet wird. Zwar wurde der erste Freikauf von acht Personen 1963 unter Rainer Barzel vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen verantwortet. Danach jedoch stellten Unstimmigkeiten zwischen der DDR- und BRD-Führung weitere Freikäufe in Frage. Nun war es die Evangelische Kirche, die über das Diakonische Werk Stuttgart Güterwaggons, beladen zum großen Teil mit Kali-Dünger, nach Osten rollen ließ. Auf diese Weise eröffnete sie zunächst 53 Häftlingen den Weg in die Freiheit. Erst später wurde die Bundesregierung hierüber in Kenntnis gesetzt, die dann gemeinsam mit der Kirche die Freikaufaktionen fortführte.

Auch in späteren Jahren war der Einfluss der Kirche auf die Durchführung der Freikäufe nicht unerheblich. Das zeigt die Geschichte von Matthias Storck, der durch seinen Protest gegen den DDR- Wehrkundeunterricht ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit geraten war: Im Oktober 1980 entdeckte Hermann Kunst, vormals EKD-Bevollmächtigter bei der Bundesregierung, den Greifswalder Theologiestudenten auf der Häftlingsliste, die den bundesdeutschen Verhandlungspartnern vorlag. Als die DDR sich weigerte, Matthias Storck und seine Frau bis Dezember freizugeben, erklärte Kunst: „Dann gibt es zu Weihnachten keine Bananen.“ Der Kirchenmann setzte sich durch. „Zu Weihnachten waren wir im Westen und im Osten gab es Bananen“, erinnert sich Storck, der heute Pfarrer im westfälischen Herford ist.

Welche Bedeutung die Kirche in der Geschichte des Freikaufs zukommt, kann in der Ausstellung erschließen, wer sich das Zeitzeugeninterview mit Reymar von Wedel, dem damaligen Justiziar der Berliner Kirche, anschaut. Schautafeln und Begleittexte hingegen vermitteln lediglich den Eindruck, die Kirche sei aufgrund ihrer guten Ost-Kontakte bei der Abwicklung Auftragnehmer der Bundesregierung gewesen. Ihre Eigeninitiative wird verschwiegen. So glänzt hier der Stern der bundesdeutschen Politik besonders hell. Sicherlich nicht zu Unrecht, denn der Häftlingsfreikauf war eine Erfolgsgeschichte, die auf lange Dauer von allen Bundesregierungen getragen wurde. Jedoch darf dies nach über 20 Jahren nicht davon entbinden, diese Erfolgsgeschichte in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen.

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager, Marienfelder Allee 66/80, Berlin-Marienfelde, Telefon (030) 75 00 84 00, http://www.notaufnahmelager-berlin.de
Die Ausstellung „Freigekauft – Wege aus der DDR-Haft“ ist bis zum 31. März 2013 zu sehen. Öffnungszeiten: Di–So 10–18 Uhr. Eintritt frei.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 46, 11. November 2012.

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