Heimat fühlen: Brauchtumspflege – Karneval in Köln

Heimat-Begegnungen (5)

Am 11. November wird in Köln traditionell die fünfte Jahreszeit eingeläutet. Auch dieses Jahr wieder mit dabei: Marita Köllner, die die Liveübertragung im WDR zusammen mit Wicky Junggeburth moderiert. Seit 45 Jahren steht sie, zunächst als Büttenrednerin, nun bereits seit Langem als Sängerin, auf der Bühne. Das macht sie zur Spezialistin für das kölsche Brauchtum, insbesondere den „Fastelovend“, der Ausdruck Kölner Heimatgefühls ist. Wie es hierum steht, berichtet sie in dieser Ausgabe der „Heimat-Begegnungen“:

Wäre Köln ohne Karneval für Sie vorstellbar?

Gar nicht vorstellbar! Für uns ist er seit jeher Tradition und wird seit dem Jahr 1823 offiziell organisiert, mit der Gründung des Festkomitees des Kölner Karnevals. Der Karneval ist ein fester Bestandteil dieser Stadt, der letztendlich ausdrückt: kölsche Lebensfreude und Offenheit und Toleranz, die die Stadt ja zu bieten hat. Nicht umsonst kommen auch so viele Fremde nach Köln und fühlen sich hier wirklich sehr, sehr wohl… selbst die Medienvertreter, die wegen der Privatsender RTL und Co. hierhin kamen, sind fast alle hier geblieben.

In vielen kölschen Liedern wird das Veedel (hochdeutsch: das Viertel) besungen – was verbindet sich für einen Kölner hiermit? Und: Wie hat es sich durch die Veränderungen in der Bevölkerung entwickelt?

Ja, das „Veedel“ gibt es nicht mehr so oft. Es ist ein Raritätchen geworden… das Lebensgefühl im Veedel. Es ist doch durch viele Zuwanderer etwas schwieriger geworden. Nicht jeder versteht den Kölner und seine Offenheit. Es dauert halt lange, bis der „Fremde“ merkt, dass man in Köln gerne auch Zugereiste in die Gemeinschaft aufnehmen möchte. Das kommt von Herzen. „Neu-Kölner“ oder Touristen haben oft eine natürliche Barriere… eine Distanz, die der Kölner an sich nicht unbedingt versteht. Der echte Kölsche geht immer mit offenen Armen auf einen zu und das befremdet so manchen Gast dieser Stadt. Sie können zuerst nicht damit umgehen. Diese Erfahrung habe ich schon persönlich sehr oft gemacht. Oft legt sich das aber nach dem dritten Kölsch. Viele können es gar nicht begreifen, dass man hier so warmherzig aufgenommen wird. Einige haben vielleicht schon negative Erfahrungen gemacht und sind erst mal vorsichtig. Die Kölner Südstadt (Vringsveedel), das Eigelsteinviertel, Bickendorf und Nippes, sind noch Veedel im ursprünglichen Sinn, wo man noch den Zusammenhalt der Veedelsbewohner findet – man trifft sich in der Kneipe, jeder kennt jeden, man trinkt ein Kölsch miteinander, man singt zusammen, man weint miteinander, je nach Situation. Man ist für einander da. In der Innenstadt ist der Veedels-Charakter sehr minimiert, weil es halt mehr Geschäfte als Einwohner gibt.

Wenn sich die Stadt auch verändert, denken Sie denn, dass langfristig das Bewusstsein für den Wert des kölschen Brauchtums noch erhalten bleibt?

Das Festkomitee Kölner Karneval ist sehr bemüht, den traditionellen Karneval nicht sterben zu lassen, möchte wieder zu alten Strukturen zurückkommen. Aber es ist sehr, sehr schwierig. Weil z. B. die jungen Nachwuchskünstler, ob Band oder Comedian (früher nannte man das Büttenredner), die jetzt auf die Bühne wollen, vor allem den schnellen Euro sehen. Sie sehen das ein Wenig anders als wir vom alten Schlag. Wir haben damals für 40 DM den Menschen Freude gemacht. Heute fangen die jungen Talente direkt mit Gagenforderungen von 800 bis 1000 Euro an. Ich für meinen Teil kann nur sagen: Ich liebe meine Berufung… mache es aus ganzem Herzen und mit viel Spaß. Geld muss ich auch verdienen… Klar ich lebe davon… Aber im Vordergrund steht für mich: Menschen Freude zu bereiten.

Würden Sie sagen, dass diese Kommerzialisierung schädlich ist?

Ach, ja, ich denke auch. Ich bin da wahrscheinlich – neben Wicky Junggeburth, Prinz Karneval 1993, und Hans Süper (Colonia Duett) und Marie Luise Nikuta, alle drei Mundart-Sänger, eine der wenigen, die das Ganze aus Leidenschaft zum Brauchtum und aus Liebe zu unserer Stadt machen. Wir sind ja bald die letzten Originale hier in Köln. Die Newcomer sind natürlich wichtig, aber die fahren eine andere Schiene – sie sind davon überzeugt, sie müssten jetzt alle Rockmusik anstimmen, weil Brings (bekannteste Kölner Rockband im Karneval) halt mit ihrer Musik sehr viel Geld verdienen, um es mal ganz einfach auszudrücken. Den eigenen Stil suchen sie gar nicht… nur schnell Erfolg haben…

So passt sich der Karneval langsam der alltäglichen Unterhaltung an. Denken Sie denn, dass sich trotz solcher Tendenzen das typisch Kölsche im Karneval erhalten wird?

Ich hoffe, ich kämpfe dafür. Wir (Reiner Hömig vom Studio Bläck Fööss und ich) haben in diesem Jahr ein richtig kölsches, lustiges Lied rausgebracht, das heißt: „Wenn Fastelovend im Sommer wör“. Da wird der ganze Karneval ein bisschen auf die Schippe genommen – wie es in einem Karnevalslied so üblich ist. Diesen Versuch starten wir jetzt. Dieser Enthusiasmus, diese Liebe zum Brauchtum, ich glaube, das stirbt langsam aus. Die Erhaltung der Tradition hat sich die alte Garde auf die Fahne geschrieben. Junge Leute folgen…und wenn sie alle verstanden haben, dat kölsche Tön funktionieren, dann klappt es auch bei den jungen Gruppen wieder mit gefühlvollen Balladen, Walzern und wegen mir auch Rock Musik…
Familien mit urkölscher Tradition, wo auch die Kinder von den Eltern oder Großeltern noch in die kölsche Mundart eingeführt werden, haben einen großen Anteil daran, dass das Brauchtum weiterbestehen kann… Sie nehmen Ihre Kinder von Klein an mit zu den Zügen, singen mit ihnen kölsche Lieder. Die Kleinen saugen die kölsche Lebensart mit der Muttermilch ein! Die Eltern lassen die Kinder am Vereinsleben an den Veedelsvereinen, Familiengesellschaften und Traditionskorps teilhaben… In Kindertanzgruppen und Karnevalisten-Vereinigungen wie der Kajuja (katholische Jugend) oder dem Literarischen Komitee des Festkomitees Kölner Karneval entwickeln sich die neuen Karnevalisten von Morgen… Wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, unser Brauchtum zu erhalten und ohne uns Pänz (Kinder) geht das nicht… Die kölschen Familien leben noch echtes kölsches Brauchtum – im Karneval und auch im Rest des Jahres. Denn das ist wichtig: Der Karneval ist für uns unverzichtbar. Aber unser Brauchtum besteht nicht nur aus Karneval. Wir haben noch viel mehr zu bieten und freuen uns, wenn man auch im Sommer zu unseren traditionellen Straßenfesten kommt. Da feiern wir dann auch ohne Fastelovend.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 11/2012.

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