Das wird man doch noch fragen dürfen!

Von Tilman Asmus Fischer

„Vielleicht ist einer der wichtigsten Beiträge der Reformation, dass es ihr um gebildeten Glauben geht, einen Glauben, der verstehen will, nachfragen darf, auch beim Buch des christlichen Glaubens, der Bibel.“ So Margot Käßmann in ihrer ersten Predigt als Botschafterin für das Reformationsjubiläum. In diesem Sinne müsste die EKD Sebastian Molls neueste Veröffentlichung „Jesus war kein Vegetarier“ begrüßen. Denn dieser fragt nach: Er hinterfragt gängige Tendenzen und Positionen in der evangelischen Kirche auf Grundlage einer Analyse einschlägiger Bibelstellen, die gern zu deren Untermauerung herangezogen werden.

Sollte die EKD dieses Buch tatsächlich begrüßen, würde sie damit ihre Fähigkeit zur Selbstkritik bezeugen. Denn das souverän und schlagfertig daherkommende Essay des Mainzer Religionswissenschaftlers zerlegt beispielhaft wesentliche theologische Argumentationsmuster, die den protestantischen Mainstream in Fragen des Tierschutzes, der Frauenordination, gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und der Judenmission prägen, und gipfelt in einer scharfen Kritik an der „Bibel in gerechter Sprache“. Dabei geht es dem Verfasser freilich nicht darum, gegen Vegetarismus, Gleichstellung oder Homosexualität zu polemisieren oder gar die Judenmission zu propagieren. Vielmehr verwahrt er sich mit seiner Streitschrift lediglich gegen Bibelauslegungen, die Inkohärenz und Verfälschung in Kauf nehmen, um sich in den Dienst vom Zeitgeist protegierter Programmatiken zu stellen – wie etwa im Rahmen der „feministischen Theologie“: „Die Lehre von Gott duldet vor sich nun einmal nicht jedes Adjektiv.“

Moll provoziert – eine Tatsache, derer er sich durchaus bewusst ist, die er reflektiert – und die ihm letztlich auch gefällt. Deshalb wohl trägt er in einzelnen Passagen rhetorisch etwas dicker als notwendig auf, findet jedoch immer wieder zu einer sachlichen Argumentation und zu differenzierten Bewertungen zurück.

Ob die EKD das Buch nun begrüßt oder nicht: jedem kontroversen Debatten aufgeschlossenen Christen sei es empfohlen, da es zu mehr Ehrlichkeit innerkirchlicher Diskussionen beitragen kann.

Sebastian Moll: Jesus war kein Vegetarier. Gebunden, 110 Seiten. Berlin University Press 2011. 19,90 Euro, ISBN 978-3-86280-019-3.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 42, 14. Oktober 2012.

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