Neue Perspektiven für die Friedrich-Forschung

Hans-Jürgen Bömelburg: Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen. Ereignis- und Erinnerungsgeschichte. Stuttgart (Alfred Kröner Verlag) 2011. 402 S., 12 Abb., Karten, geb. (Leinen). Preis: 22,90 Euro. ISBN 978-3-520-33101-4.

Rechtzeitig zum allseits gefeierten Jubiläumsjahr hat Hans-Jürgen Bömelburg, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Gießen, eine neue profunde Monographie vorgelegt: „Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen. Ereignis- und Erinnerungsgeschichte“.

Dieses Werk füllt eine erhebliche Lücke in der bisherigen Friedrich-Forschung. Wie wichtig das Buch ist, macht schon ein Blick in die zum Königsgeburtstag neu aufgelegte Friedrich-Biographie von Johannes Kunisch deutlich: Von den über 500 Seiten widmet z. B. selbst dieser monumentale und gut recherchierte ‘Wälzer’ noch nicht einmal 20 Seiten dem Thema der ersten polnischen Teilung. Wieder einmal wird auch hier deutlich, was mehr als nur eine Tendenz in der Erforschung des friderizianischen Zeitalters ist: die Ausrichtung auf Bezüge der preußischen zur westeuropäischen Geschichte; dadurch ist das hochkomplexe Themenfeld des preußisch-osteuropäischen Beziehungsgeflechtes bisher deutlich ins Hintertreffen geraten. Mit diesem Trend überhaupt erst einmal gebrochen zu haben, ist das erste große Verdienst Bömelburgs.

Diese Neuorientierung gelingt ihm besonders eindrucksvoll und überzeugend, weil er das Phänomen ‘Friedrich und Ostmitteleuropa’ aus unterschiedlichen Perspektiven erschließt: Zum einen kombiniert Bömelburg methodisch, wie bereits im Untertitel angekündigt, Ereignisgeschichte und Erinnerungsgeschichte. Dies meint nicht nur die Wahrnehmung Friedrichs durch seine eigenen Zeitgenossen, sondern ebenso durch die Nachwelt, wobei der Verfasser den Blick in die Zukunft hinein verlängert, indem er einen Ausblick auf „deutsch-polnische Perspektiven“ zu geben versucht. Gerade dieser rezeptionsgeschichtliche Ansatz ermöglicht es, die Wirkmächtigkeit des Königs und seiner Epoche über seinen Tod hinaus fassbar zu machen. Zum anderen erschließen die Darlegungen, ausgehend von ihren jeweiligen Topoi, das deutsche ebenso wie das polnische Friedrich-Bild. Hier zeigt sich die Notwendigkeit einer extensiven Auseinandersetzung mit polnischen Forschungen und Rezeptionszeugnissen, ohne die insbesondere die erinnerungsgeschichtlichen Überlegungen asymmetrisch bleiben müssten. Alle diese unterschiedlichen Perspektiven kohärent zu erfassen, ohne dass das Ergebnis wie Flickwerk erschiene, ist das zweite Verdienst des Verfassers.

Erfreulicherweise verleitet die Darstellung und Analyse des deutschen und polnischen Friedrichbildes den Verfasser nicht dazu, beide Geschichtsbilder zu Lasten der wissenschaftlichen Präzision zu harmonisieren, „denn dies ist“, wie er selbst anmerkt, „aufgrund der unterschiedlichen Traditionen und Akzentsetzungen ausgeschlossen“. Vielmehr plädiert er für gegenseitige Kenntnisnahme und Auseinandersetzung. Hierzu bietet das Buch eine ideale Grundlage, da Bömelburg erst recht darauf verzichtet, für eine der beiden nationalen Blickrichtungen Partei zu ergreifen und seine auf einem stabilen Quellenfundament beruhenden Überlegungen in ihrem Sinne einzufärben. So hat der Leser die Möglichkeit, sich mit jeweils höchst differenzierten Einschätzungen auseinanderzusetzen, womit schließlich auch die dritte herausragende Leistung des Autors umrissen wäre.

Jenseits des oben verdeutlichten allgemeinen Wertes, den das Buches für die Friedrich- und Preußenforschung hat, stellt diese Monographie auch eine große, vor allem auch konzeptionelle, Bereicherung für die westpreußische Landesforschung dar: Bömelburg bleibt nicht bei dem Faktum, das gemeinhin das populäre Bild der preußisch-polnischen Beziehungen unter Friedrich prägt, der polnischen Teilungen, stehen, sondern nimmt darüber hinaus etwa die preußische Hebungspolitik oder die Verwaltungs- und Sozialgeschichte in den Blick; letztlich gelingt ihm somit der Brückenschlag von der politischen zur Kultur- und Geistesgeschichte. Auf diese Weise setzt Bömelburg ein deutliches Zeichen dafür, dass westpreußische Landesgeschichte auch und gerade als transkulturelle Verflechtungsgeschichte ein Zukunftspotential für den aktuellen Wissenschaftsbetrieb birgt.

Jedoch völlig unabhängig von dem jeweiligen Blickwinkel, unter dem die Leserinnen und Leser – vom historischen Fachpublikum bis zu den an Geschichte interessierten Laien – das für alle Gruppen empfehlenswerte Buch in die Hand nehmen, wird schnell deutlich werden, dass „Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen“ auf Grund seiner Seriosität und Originalität eine der besten Früchte ist, die das Friedrichjahr mit seinen vielfältigen historiographischen Bemühungen bislang hervorgebracht hat.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 9/2012.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s