Allein unter Katholiken

Erst seit einem Jahr hat die evangelische Gemeinde in Schneidemühl wieder eine eigene Kirche

Von Tilman Asmus Fischer

„Auch das war früher einmal eine evangelische Kirche“ sagt Marzena Jaruzal, als sie mit einer Besuchergruppe vor der St.-Stanislaus-Kostka-Kirche stehen bleibt. Heute erklingt aus der halbgeöffneten Tür der liturgische Gesang eines katholischen Priesters. Auf ihrem Rundgang durch Schneidemühl führt sie die Touristen zu zahlreichen sakralen Bauwerken und erläutert voller Begeisterung deren vielfältige Architektur.

Schneidemühl, einst preußische Provinzhauptstadt, liegt im Nordwesten von Posen (Poznan) und heißt heute Pila. Die meisten der Gotteshäuser in der Stadt waren bis 1945 evangelisch. Nach Kriegsende wurden sie von der polnischen katholischen Kirche übernommen und größtenteils auch umbenannt. So hieß die neogotische Stanislaus-Kirche früher Lutherkirche. Andere Kirchengebäude wurden abgerissen, so wie 1955 die alte evangelische Johanneskirche. Mit der Vertreibung der Deutschen 1945 hatten die evangelischen Gemeinden von Schneidemühl ohnehin aufgehört zu existieren. 54 Jahre vergingen, bis in der Stadt eine neue protestantische Gemeinde ins Leben gerufen werden konnte. Diese zähle heute nicht einmal 100 Mitglieder, berichtet Marzena Jaruzal. Seit einem Jahr hat die 1999 gegründete Gemeinde nun auch wieder eine eigene Kirche. 2011 wurde der Neubau eingeweiht und nach dem Evangelisten Johannes benannt.

Marzena Jaruzal ist katholisch und arbeitet als Deutschlehrerin am Lyzeum. Als aktives Mitglied der deutschen Minderheit in Schneidemühl hat sie zugleich enge Kontakte zu der evangelischen Gemeinde und ihrem Pfarrer. Bis 1945 unterschied sich Schneidemühl mit seiner protestantischen Bevölkerungsmehrheit vom eher polnisch-katholisch geprägten Posener Land. Von den Deutschen, die nach Kriegsende 1945 nicht vertriebenen wurden, blieben viele ihrem evangelischen Glauben treu. Dies ist die Tradition, in der die heutige Gemeinde steht. Doch fühlt sie sich in der polnischen Gesellschaft durchaus nicht als Fremdkörper. Davon zeugt nicht zuletzt, dass Gemeindepfarrer Tomasz Wola seit einiger Zeit zugleich als Militärseelsorger in der polnischen Armee tätig ist.

In der evangelischen Johannes-Gemeinde absolviert die Studentin Marta Zachraj gerade ihr Praktikum. Acht Semester hat sie an der Christlichen Theologischen Akademie Warschau studiert. Auch die Schneidemühler „Parafia“, wie das Wort Gemeinde auf Polnisch heißt, wolle mit ihren nur rund 70 Mitgliedern ein lebendiges Gemeindeleben führen und in die Gesellschaft hinein wirken, erzählt sie. Neben einem mobilen diakonischen Dienst werden in der Woche Bibelkreise für Erwachsene sowie ein Freitagstreff für Teenager angeboten.

Möglicherweise ist es gerade die Minderheitensituaiton, die die Gemeinde über Generationengrenzen hinweg zusammengeschweißt und zu all diesen Aktivitäten mobilisiert hat. Inzwischen ist aus der Gemeinde sogar eine polenweit bekannte Rockgruppe hervorgegangen. Deren erfolgreicher Aufstieg kommt der Entwicklung der Gemeinde gleich: Erst 1998 hatten die Schneidemühler Protestanten ihr 1945 von den Kommunisten enteignetes Gemeindehaus zurückerhalten. Ein Jahr später wurde die neue Gemeinde offiziell gegründet. 2001 konnte die erste Konfirmationsfeier der Nachkriegszeit begangen werden. Angesichts der aktuellen Entwicklung sieht Marta hoffnungsvoll in die Zukunft der evangelischen Christen in Schneidemühl: „Ich denke, dass sich nun endlich ein funktionierender Betrieb eingestellt hat, die größten Probleme sind überstanden. Da wurde ein guter Job gemacht.“

Doch spielt sich das Leben einer kleinen Diasporagemeinde nicht nur im Gemeindezentrum ab: Auch in den umliegenden Stadt- und Landgemeinden müssen mehrmals im Monat Gottesdienste organisiert werden, wenngleich dazu zum Teil gerade einmal fünf bis zehn Leute kommen. Davon will sich die Gemeinde aber nicht entmutigen lassen. Davon, dass sie ganz offensichtlich immer mehr an Ausstrahlungskraft gewinnt, zeugen nicht zuletzt Übertritte aus der katholischen Kirche. Meist handelt es sich um Menschen, die sich mit ihren persönlichen Erfahrungen eher in der evangelischen Lehre und Gemeinschaft wiederfinden. „Wenn ich hier einen Gottesdienst mit der Gemeinde feiere, sehe ich immer neue Menschen, die hier einfach aus Interesse hinkommen und sich über die evangelische Gemeinde informieren wollen“, berichtet Marta. Dann muss sie aber auch schon wieder zurück ins Gemeindebüro, um den Sonntagsgottesdienst vorzubereiten, den sie mit der kleinen, aber mit Recht zuversichtlichen Gemeinde feiern will. Auch die Predigt wird sie an diesem Sonntag halten.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 33, 12. August 2012.

Weitere Informationen zur Gemeinde unter: http://www.pila.lutheranie.pl

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