Individuum und Kultur zwischen Beheimatung und Verlusterfahrung

Heimat-Begegnungen (4)

Anlässlich einer Buchvorstellung (Dreißig Silberlinge. Das Phänomen Denunziation, Peter Lang, Frankfurt am Main 2012) ist der Warschauer Literatur- und Kulturwissenschaftler Professor Karol Sauerland nach Berlin gekommen – hier treffe ich ihn in der früheren Wohnung seiner Eltern zu einem Gespräch über das Heimisch-werden bzw. Beheimatet-sein des Einzelnen und deren kulturelle Konsequenzen:

Als wir uns das erste Mal unterhielten, hielten Sie in Hannover einen Vortrag zum Thema „Identität, Integration und Divergenz“ – inwiefern ist Heimat mehr als nur Lebensraum im physischen Sinne, sondern prägend für die Identität des Einzelnen?

Bei mir ist die Frage immer, mit wem man es zu tun hat, mit welcher Bevölkerungsschicht: Es gibt Menschen, die in ihren kleinen Orten ganz zufrieden sind und auch gar nicht weg wollen, dann gibt es Menschen, die sich nur in Großstädten wohlfühlen und einige, die keine große Verbindung zu der jeweiligen Region haben – vielleicht eine Verbindung zu ihrer Bibliothek oder zu ihren anderen beruflichen Einrichtungen. Gleichwohl besteht die Gefahr, wenn man den Heimatbegriff so weit führt, dass er dadurch auch verwässert wird, denn es führt zu der Begriffsbestimmung: An welchem Ort fühle ich mich wohl? Wobei ‘Ort‘ eben diese Dinge und Einrichtungen sein können, die ich eben genannt habe.

Aber Sie würden dennoch für einen Heimatbegriff plädieren, der das Subjekt und seine persönlichen Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Folgt daraus nicht auch, dass sich jeder Mensch vielmehr erst selbst seine Heimat schafft, als dass er die Umgebung, in die er hineingegeben wird, einfach nur annimmt und sich selbst in diese hineinfindet?

Ja, wenn man es historisch sieht, ist natürlich das Hineingeboren-sein und Sich-damit-abfinden-müssen oder -wollen oder das Gar-nicht-infrage-stellen des Geburtsortes das ältere Modell. Die unerhörte Beweglichkeit, die zumindest die westliche Welt kennzeichnet, war ja vorher die Ausnahme; es waren wenige, die beweglich sein konnten. Heute gibt es viele – ich würde sagen, all meine Bekannten würden sich über Unbeweglichkeit wundern. Jedoch auch heute, glaube ich, werden die meisten Menschen in ihr Gebiet hineingeboren, ohne es später in Frage zu stellen. Aber ob sie sich nun dort wohlfühlen, das ist wiederum eine subjektive Sache. Ich bin nun auch in gewissem Sinne Historiker und nehme immer gern zur Kenntnis, wie Menschen in älteren Zeiten weg wollten von dem Ort, an dem sie lebten; ein besonderes Schicksal hatten die Frauen, die sich in Männerkleidern durch die Welt begeben, also eine Mimikry spielen mussten. Aber das ist wohl nicht das Thema…

… jedoch ganz interessant, wenn man sich überlegt, dass bis heute umso mehr über Heimat gesprochen wird, je flexibler die Menschen erzwungenermaßen sein müssen.

Ja, das ist ein Charakteristikum: Wenn etwas verloren geht, wird viel darüber gesprochen; zum Beispiel im Augenblick, wo die Naturzerstörung große Ausmaße annahm, nämlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, beginnt die Naturschwärmerei der Romantiker. Und ich bringe das in Verbindung damit, dass sie eine Vorausahnung dessen hatten, was geschehen wird, dass nämlich die Fabriken entstehen, die Schlote, dass schließlich die Natur immer weniger wird. Außerdem war noch ein besonderes Problem während der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, dass Deutschland unerhört entwaldet worden war; daher entstand auch diese Sehnsucht nach dem Wald. Also das ist sicher ein wichtiges Merkmal, dass der Heimatbegriff mit der Industrialisierung stärkere Aufmerksamkeit gewinnt. Nun muss man aber auch sagen, dass der Heimatbegriff infolge der Zwangsumsiedlungen und Zwangsvölkerwanderungen wiederum aufgewertet wurde und aufgewertet werden musste, weil es eben viele Opfer des Heimatverlustes gab.

In besonderer Weise haben Sie sich mit den ostpolnischen Vertriebenen beschäftigt. Wenn in Deutschland über Vertreibungen nach dem zweiten Weltkrieg gesprochen wird, ist das Bild, welches man vor Augen hat, geprägt vom Eindruck der deutschen Vertriebenen. Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, die helfen, das Verständnis des Themenkomplexes auszudifferenzieren?

Nach meiner Meinung sind die Unterschiede groß. Ich habe einmal eine gewisse Zeit in Südpolen an der tschechischen Grenze während des Urlaubs Studien betrieben und mich dann auch später immer wieder dafür interessiert. Dort haben die Vertriebenen aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten sich überhaupt nicht zuhause gefühlt. Aber sie haben sich deswegen, so meine Auffassung, nicht zuhause gefühlt, weil es keine Verbände für sie gab; nicht mal einmal pro Jahr konnten sie sich treffen und über ihre Heimat miteinander sprechen, in ihrem Dialekt oder ihrer Mundart, und ihre Lieder singen – das war noch eine Zeit, wo das Lied eine große Bedeutung hatte. Sie konnten sich nicht treffen, weil Vertriebenenverbände oder Heimatverbände, die Benennung ist nicht wichtig, nicht erlaubt waren. Sie hatten sich dem neuen sozialistischen System unterzuordnen und durften auch gar nicht sagen, dass sie vertrieben worden seien. Im Grunde genommen sehnten sie sich zurück; gerade auch ältere Menschen, die meinten, hier könnte man nicht begraben liegen und die am liebsten, wie die Elefanten, zurückgegangen wären und sich dort, wo sie geboren wurden, niedergelegt hätten, um dort zu sterben und begraben zu werden.

Hat die fehlende Thematisierung von Heimat für die ostpolnischen Vertriebenen auch Einfluss auf den Heimatbegriff der gesamten polnischen Bevölkerung – ist das Heimatverständnis in Polen ein anderes als in Deutschland?

Ich beobachte zum Beispiel ein ganz anderes Wahlverhalten im heutigen Ostpolen, das immer Polen war, wo die Menschen eine hundertjährige Tradition des Bewohnens eines Ortes haben; diese Gebiete wählen nach deutschen Begriffen immer konservativ, während die neuen Gebiete, die ehemals deutsch waren, sehr leicht postkommunistisch wählen. Und das ist für mich eine Verkörperung auch des Heimatbegriffes, das heißt: Die beheimateten sind konservativ, sie wollen das so haben, wie es ist, wie sie es eben immer hatten; und sie sind dann auch konservativ in ihren Familienauffassungen, die ganze Frage der Homosexualität wäre ihnen fremd. Ob nun gerade die Leute, die die Postkommunisten wählen, (Professor Sauerland schmunzelt) in Fragen der Homosexualität eine andere Auffassung haben, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall sind sie der jeweiligen sich fortschrittlich gebenden Gruppierung, was auch immer fortschrittlich heißt, zugetan. Sie sind nach meiner Meinung weniger beheimatet – eine sehr kühne These, aber die würde ich auch verteidigen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 8/2012.

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