Visualisierungen – Heimat ausstellen

Heimat-Begegnungen (3)

Innerhalb der Reihe „Heimat-Begegnungen“ werden sich diese und zwei folgende Gespräche mit der Frage beschäftigen, wie sich Heimat visualisieren und intellektuell greifbar machen lässt und welche Rückschlüsse die möglichen Visualisierungen wiederum auf das Phänomen ‘Heimat’ zulassen. In den vergangenen Monaten zeigte das Zentrum gegen Vertreibungen im Berliner Kronprinzenpalais seine Ausstellungstrilogie „HeimatWeh“; ein guter Anlass sich vor Ort mit der Kuratorin, Dr. Katharina Klotz, darüber zu unterhalten, wie sich Heimat museal präsentieren lässt:

Der Titel der Ausstellungstrilogie ist bemerkenswert, hebt er sich doch von dem gewohnten Begriff „Heimweh“ ab.

Heimatweh ist nicht Heimweh, weil Heimweh bedeuten würde, dass man noch eine Option hätte, zurückzukehren, aber Heimatweh ist die große Frage der Sehnsucht nach etwas, wohin man nicht mehr zurück kann. Dennoch werden sich diejenigen, die selbst vertrieben worden sind, in der Ausstellung wiederfinden, in diesen wunderbaren Ortsfotografien, topographischen Abbildungen und auch in den Platzbeschreibungen. Wir haben z. B. für die Gestaltung des ersten Teils – „Erzwungene Wege“ – eine schwarz-weiße Ästhetik gewählt.

Wie genau stellt sich denn das Konzept des ersten Teils „Die Gerufenen“ dar?

Das Konzept dieser Ausstellung ist, dass wir für jede Abteilung Bild- und Kartenmaterial anbieten, sowie einen Einführungstext, der auch weniger bekannte historische Fakten präsentiert. Wir haben uns für die „Gerufenen“ – also den Teil über die deutsche Osteuropabesiedlung – acht Großgebiete herausgesucht, zu Anfang beispielsweise Böhmen und Mähren, aber zur Erläuterung der Siedlungsgeschichte nicht immer den chronologischen Ansatz ausgewählt, sondern Dynamiken: Mit der Frage „Was war jeweils für diese Region entscheidend? Für Böhmen und Mähren war es die Bäderkultur.

Wie ist es Ihnen gelungen, unabhängig von diesen individuellen Landschaften und den Schicksalen, die in den beiden späteren Ausstellungeinheiten – „Erzwungene Wege“ und „Angekommen“ – zur Sprache kommen, die einzelnen Module der Ausstellung zu umklammern?

Der Titel der Ausstellung bildet den inhaltlichen und gestalterischen Schwerpunkt der Verbindungselemente der drei Ausstellungsteile. Als Kontrast zu den faktenreichen Bild-Text-Tafeln bestehen sie aus großflächigen Bildcollagen. Gleichmäßig über alle drei Teile gestreut, bilden sie einen roten Faden, der die verschiedenen Facetten des „Heimatwehs“ verbindet. Dabei geht es nicht um weitere Informationsvermittlung, vielmehr schaffen diese „Emotionscollagen“ eine poetische Ebene, ein Erinnern an Atmosphäre, Texturen, Räume, Landschaften und Gemeinschaftserlebnisse. Sie zeigen den Wunsch nach Sinnstiftung durch Erinnerung, auch wenn die lebensgeschichtliche Verortung durch Heimatverlust einen Bruch erfahren hat. Man steht davor und fragt sich tatsächlich: Ist es der deutsche Wald, ist es der Ammersee, was ist es, was meine Heimat ausmacht? Das ist die Funktion dieser Emotionscollagen und ich glaube, das spricht sehr viele an, auch sehr viele Vertriebene.
Dennoch: der Wert der gesamten Ausstellung für die Vertriebenen ist letztlich, dass die Kuratoren alle Orte bereist haben. Das Kuratoren-Team hat seit 2006 alle ostdeutschen, ostmitteleuropäischen Gebiete angesteuert und für die deutschen Heimatvertriebenen Bilder hervorgeholt, Exponate geliehen und weitgehende Recherche in den Museen betrieben. Dadurch entsteht die Tiefenschärfe der Ausstellungstafeln. Das ist die Wertfindung für diejenigen, die hier Heimat suchen, dass wir das, was für sie ganz wichtig ist, hier in die Mitte Berlins bringen. Nehmen wir Siebenbürgen: Da haben wir eine Dynamik; der bäuerliche Reichtum auf den Märkten war entscheidend für die Prosperität dieser Städte, und das sieht man am Quellenmaterial, an diesen Fotografien; zum Beispiel von Sibiu (Hermannstadt) – mittendrin der Marktplatz mit diesem wunderbaren Rathaus. Die Fotos sprechen für sich, ebenso wie die Exponate, z. B. die Blaumodeln der Donauschwaben. Was bedeutet das eigentlich: Banat, Batschka? Heimat? Das einmal zum Thema zu machen für die Nichtvertriebenen, das hilft den Vertriebenen, glaube ich, sehr.

So wie Ihnen die Visualisierung von Heimat gelungen ist, standen Sie auch vor der Aufgabe, Heimatverlust und die Ankunft in West- und Mitteldeutschland unter dem Eindruck der Sehnsucht nach Heimat zu visualisieren. Welche Exponate wählt man für eine Ausstellung, die Heimat gerade nicht als etwas Präsentes ausstellt, sondern ihr als dem abwesenden Verlorenen begegnet?

Die Ausstellung ist – das muss man schon so sagen – eine spröde Ausstellung, es ist eine Tafelausstellung. Wir haben viel Text, wir haben viel Kartenmaterial, wir haben weniger Exponate als in den vorangegangenen Ausstellungen; das kann man natürlich bemängeln. Dafür arbeiten wir jedoch bei der Auswahl der Artefakte verstärkt exemplarisch: Immer wenn man an Flucht und Vertreibung denkt, hat man diese unglaublichen Haufen von Koffern, „Fluchtkoffern“, vor Augen. Hier haben wir exemplarisch eine Kiste ausgestellt von einem Mann aus dem Egerland. Der hatte sich diese Kiste eigentlich für seine Lexika-Sammlung gezimmert. Als er wusste, dass er weg musste, hat er sie nicht mehr für seine Lexika verwendet, sondern für sein Fluchtgepäck. Dann sieht man noch auf der Kiste den Aufkleber für den Zugtransport nach Thüringen. Dieser Koffer bündelt, was es bedeutete, alles zurückzulassen und nur mit so einer kleinen Menge Gepäck aufzubrechen.
Mein Lieblingsexponat allerdings stammt aus Neutraubling. Es wurde, was man zunächst gar nicht erkennt, aus Resten eines Flugzeug-Cockpits gefertigt – man muss dazu Folgendes sagen: Viele Flüchtlingslager waren zuvor Kriegsgefangenenlager gewesen: Eine Mehrfachnutzung fand so auch in Neutraubling statt. Ab 1938 war das Gelände eine Produktionsanlage der Luftwaffe, dann wurden russische Kriegsgefangene dort untergebracht. Ab 1945 waren Flüchtlinge dort ansässig. Die Vertriebenen haben aus den Flugzeugteilen, die dort übriggeblieben waren, notwendige Gebrauchsgegenstände gefertigt. Eben auch diese Monstranz, deren Kernstück ein Cockpitinstrumentarium ist.

Schlussendlich: Wirkt die Ausstellung, indem sie bestimmte Topoi von Heimat und Heimatverlust präsentiert, nicht auch identitätsstiftend für die Gemeinschaft der deutschen Heimatvertriebenen?

Die Frage nach dieser Gemeinschaftsidentität ist eine geschichtstheoretisch brisante Frage; das zeigt sich beispielsweise an der Konzeption des – für diese Ausstellung neu geschaffenen – Personentableaus im Themenbereich „Erzwungene Wege“: Man findet hier Porträts von bekannten Persönlichkeiten, Vertriebenen und ihren Nachfahren, und kann diese aufklappen, um ihre Biografie zu lesen. Wir haben natürlich ein bisschen auf den Promifaktor gesetzt: Harald Schmidt, Heinz Erhardt, Margot Käsmann,… Ein Mitglied des wissenschaftlichen Beirates fragte mich in einer Sitzung: „Glauben Sie nicht, dass ein Wir-Gefühl falsch am Platze ist?“ – Darf man als Historiker Personen zusammenzuwürfeln, die nicht gefragt wurden, ob sie zu dieser Gemeinschaft gehören wollen?
Ich finde es schon wichtig, zu zeigen: Woher kommen die Leute? Und gibt es diese gemeinsame Wurzel? So ergibt sich ein neues Nachdenken über die Thematik; daher funktionalisieren wir diese Menschen nicht, sondern fragen Sie zum Thema Heimat.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 7/2012.

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