Heimat Großstadt – (West-)Berlin

Heimat-Begegnungen (2)

In Berlin-Charlottenburg betreibt Ramona Azzaro seit 27 Jahren das Restaurant „Marjellchen“, das sich durch traditionelle ostdeutsche Küche der Spitzenklasse auszeichnet – eine Erfolgsgeschichte: ohne Reservierung hat man kaum Chancen, einen Tisch zu erhalten. Die Gastronomin ist jedoch nicht nur engagiert, ostdeutsche (Ess)kultur zu bewahren; sie hat auch einiges zu sagen über das Lebensgefühl der Großstadtmenschen, die sie über Jahrzehnte in Berlin beobachten konnte – so habe ich mir einen Tisch reserviert, um auf Spurensuche nach Heimat in der Metropole zu gehen:

Bevor Sie das „Marjellchen“ eröffneten, haben Sie die Gastronomie des Kabaretts „Die Wühlmäuse“ betrieben – insofern sind Sie also ein West-Berliner Urgestein, wenn man das so sagen darf?

Das kann man so sagen, ja, ich bin hier im britischen Sektor von West-Berlin aufgewachsen mit Frontstadtmentalität und Günther Neumann und seinen Insulanern, dem berühmten Rundfunkkabarett, mit der ganzen Situation vor dem Bau der Mauer, der Befürchtung, dass wir von den Russen eingenommen werden könnten und so weiter; ich habe den Mauerbau ja miterlebt, da war ich zwölf Jahre alt. Ich bin schon, wie man sagen könnte, eine gelernte West-Berlinerin.

Konnte West-Berlin denn für Sie, die Tochter einer westpreußischen Mutter und eines italienischen Vaters, auch Heimat werden?

Ja selbstverständlich, natürlich, Berlin ist meine Heimat. Klar, ich bin hier aufgewachsen, das ist meine Heimat und ich habe mich immer nur mit dem ‘deutschen Kulturkreis’ verbunden gefühlt – und dazu gehört eben für mich auch die Heimat meiner Großmutter. Meine Urgroßeltern mütterlicherseits stammen zu einem Teil aus Ostpreußen, zum anderen Teil aus Schlesien; also der sogenannte ‘deutsche Osten’ gehört irgendwie auch mit dazu.

Vielleicht ist es ja gerade ein Merkmal der urbanen Heimat, dass jeder seine eigenen Hintergründe und Kontexte in sie mitbringt und einlesen kann. Sie sehen demnach in Berlin vor allem die preußische und die ostdeutsche Tradition, die Sie mit den Regionen östlich von Oder und Neiße verbindet.

Natürlich, unsere Wiege steht ja in Ostpreußen, und Berlin und Ostdeutschland waren ja immer eng miteinander verbandelt; nicht wahr, früher hieß es, jeder Berliner kommt aus Posen oder Westpreußen oder Ostpreußen, Schlesien und so weiter. Das ist ja im Grunde genommen heute ähnlich, nur heute sind es eben keine Deutschen mehr, die aus diesen Gegenden kommen, sondern Polen.

Der Soziologe Dr. Eberhard Reusse vertritt die Position, dass „die städtischen Bevölkerungen […] sicherlich ein weniger vitales Heimatbewusstsein haben als die ländliche Bevölkerung“ (Heimat-Begegnungen, Nr. 1, DER WESTPREUSSE 5/2012). Können Sie dieser Aussage als Städterin und geborene Berlinerin zustimmen?

Nein, im Wesentlichen nicht. Ich kenne viele Berliner, auch zugezogene, die sich absolut mit Berlin verbunden fühlen und Berlin als ihre Stadt und ihre Heimat betrachten, und das empfinde ich als Heimatverbundenheit. Auch wenn man gerne ins Ausland fährt oder irgendwo nach Sylt oder wo auch immer, aber Berlin ist Heimat und eine schöne Stadt.

Wenn Sie sagen, West-Berlin war Heimat, war Ihre Heimat: Wie konnte gerade unter dem Gefühl der Bedrohtheit als ‘Insel’ im ‘roten Meer’ West-Berlin Heimat werden und ein West-Berliner Menschenschlag entstehen?

Wir waren hier ja, wie gesagt, Frontstadt, wir hatten alle das Gefühl auf der richtigen Seite zu sein. Wir haben ja die vielen Flüchtlingsströme hautnah miterlebt, nicht wahr: 1961 im Sommer waren es ja täglich mehr als 3.000 Menschen, die sich hier in Marienfelde gemeldet haben. Tja, West-Berlin, natürlich hatten wir eine eigene Mentalität, so wie ja die DDR-Bürger auch von ihrer DDR-Mentalität sprechen. Aber insgesamt hörte Berlin für mich nie am Brandenburger Tor auf; ich habe immer den Platz hinter dem Brandenburger Tor genauso zu Berlin gehörig empfunden, wie den Platz auf unserer Seite – und ich gehöre zu den wenigen Menschen, die immer an die Wiedervereinigung geglaubt haben. Ich habe mich dafür sehr oft auslachen lassen müssen. Aber es war nicht nur der Wunsch da, sondern auch die Überzeugung, dass wir das noch erleben werden.

Bei aller Freude über die Wiedervereinigung: Ist dadurch nicht auch West-Berliner Heimat bzw. Identität verloren gegangen? Oder lebt West-Berlin fort – wie man ja auch allgemeinhin sagt, dass die Wiedervereinigung noch nicht in den Köpfen aller Menschen angekommen ist?

Ja, das kann man beinahe so sagen. Ich bin nachwievor glücklich über die Wiedervereinigung, auch unserer Stadt, aber natürlich ist es deutlich, dass wir in vielerlei Hinsicht auch nach 20 Jahren immer noch in gewisser Weise eine geteilte Stadt sind. Es ist zwar für die jüngere Generation einfacher, aber es gibt doch immer noch Unterschiede in der Mentalität und manchmal denk ich natürlich, ach, unser schönes altes West-Berlin, aber das bedeutet nicht, dass ich dem nachtrauere – ich bin schon sehr froh darüber, dass wir eben wieder eine Stadt sind, so wie es ja die Insulaner sich immer gewünscht haben mit dem Refrain ihres Insulaner-Liedes, der ja damit endete: „Der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder’n schönes Festland wird.“ Und darüber bin ich froh und glücklich.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer

Das „Marjellchen“ befindet sich in der Mommsenstraße 9, 10629 Berlin; http://www.marjellchen-berlin.de

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 6/2012.

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