Agrargesellschaften und die internationale Politik

Heimat-Begegnungen (1)

In den kommenden Ausgaben soll eine lockere Reihe von „Heimat-Begegnungen“ erscheinen. Es handelt sich um Begegnungen mit Persönlichkeiten, die auf Grund ihrer Tätigkeiten und Erfahrungen ‘Heimat‘ aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten; so sind es gleichzeitig auch Begegnungen mit dem Phänomen ‘Heimat‘, das es in der Vielfältigkeit seiner Dimensionen es zu erschließen gilt.
Die Gesprächsreihe beginnt mit Dr. Eberhard Reusse, den ich in Dortmund traf – der Soziologe war als Entwicklungsökonom u. a. für die Vereinten Nationen in einer großen Zahl von Entwicklungsländern tätig; er spricht über die Bedeutung von Heimat für agrarische Gesellschaften und die daraus erwachsenden Herausforderungen an die internationale Politik:

Sprachwissenschaftler vertreten die Meinung, dass der Begriff „Heimat“ ausschließlich in der deutschen Sprache existiere – dennoch empfinden auch Menschen anderer Zunge emotional ‘Heimat‘. Welche Bedeutungen kann Heimat jenseits ‘unserer Kultur‘ annehmen?

Ich setze voraus, dass alle Menschen auf der Welt Heimat empfinden können, obwohl die städtischen Bevölkerungen, und die sind ja in vielen vor allem westlichen Ländern in der Mehrzahl, sicherlich ein weniger vitales Heimatbewusstsein haben als die ländliche Bevölkerung. Ich würde sagen, je geringer der städtische Bevölkerungsanteil ist, umso stärker ist das Heimatgefühl verwurzelt, umso empfindlicher werden die Menschen reagieren, wenn ihre Heimat auf dem Spiel steht. Daher glaube ich, dass man in den momentan international nicht gängigen Sprachen der ehemaligen so genannten Dritten Welt ganz sicher auf Worte stoßen wird, die sich vielleicht noch wesentlich vitaler mit dem befassen, was wir als Heimat bezeichnen.

Bedeutet also der zunehmende Verlust an Lebensqualität für die Bevölkerung vorurban-agrarisch geprägter Kulturräume bzw. für indigene und traditionsbewusste Völker eine Einschränkung des Rechtes und der Möglichkeit eines jeden Menschen, in seiner Heimat zu leben?

Aber ganz sicher und ich glaube auch, dass diese Bevölkerung noch viel erbitterter für ihre Heimat streiten wird als die städtische Bevölkerung; denn der großstädtische Mensch hat sich schon sehr an ein äußerst mobiles und auch weniger an kulturelle Normen gebundenes Leben gewöhnt – er ist viel austauschbarer geworden. Und daher kann ich mir vorstellen, dass er noch nicht einmal genug Verständnis für die Bedeutung von Heimat für den nicht großstädtischen und, sagen wir einmal, nicht westlichen Menschen hat. Und ich glaube, dass das zum Beispiel auch dazu beiträgt, dass unser Verständnis von der Wurzel des internationalen Terrorismus noch so gering ist, der eigentlich wohl darum besteht, dass städtisch bestimmte Denkweisen sich auf Eingriffe in fremde Kulturen eingelassen haben, ohne zu begreifen, welche Art von empfindlicher Bedrohung und Verzweiflung das in diesen Kulturen auslöst.

Also wäre in diesem Sinne ein behutsamer Umgang mit der Heimat außereuropäischer Völker eine Form der Konflikt- und Kriegsprävention?

Aber ganz sicher. Heimatschutz heißt auch gleichzeitig Respekt vor anderen Kulturen, der uns in den letzten Jahren sehr stark abgegangen ist. Und ich glaube, wir besinnen uns langsam darauf, wie wichtig er für den Weltfrieden und für eine glückliche Menschheit ist.

Was können denn die europäische, internationale Politik und international tätige Organisationen dazu beitragen, für – vor allem außereuropäische – Gesellschaften ihre Heimat lebenswert zu erhalten?

Ja, ich glaube, wir haben nach dem letzten Krieg in sehr gutem Instinkt und mit guten Vorsätzen die Vereinten Nationen aufgebaut, ein eigentlich noch nie dagewesenes weltweites System zur Erhaltung des Friedens. Und ich glaube, wenn dieses System nicht hauptsächlich durch die größte Supermacht so stark in Frage gestellt, zum Teil boykottiert und zumindest sehr geschwächt worden wäre in ihrem Prestige, dann hätten wir uns viel Blutvergießen und viele Kriege ersparen können in den letzten 20, 30 Jahren. Also, das heißt, wir müssen die internationalen Institutionen unterstützen, ebenso wie die regionalen Institutionen innerhalb des internationalen Systems – wie zum Beispiel die Europäische Gemeinschaft –, welche einen Rahmen abgeben, innerhalb dessen der Egoist und der Brutale, der sich ausdehnen möchte, der in andere Kulturen einbrechen will, in Zaum gehalten wird. Das ist durchaus möglich. Das System wurde bereits nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen und es ist schade, dass so viel wertvolle Zeit versäumt und das ganze System sehr geschwächt worden ist. Wir müssen es wieder stärken und auch so einrichten, dass es nicht wieder außer Kraft gesetzt werden kann.

Zählen Teile der globalisierten Märkte und Großunternehmen auch zu diesen „Egoisten“ und „Brutalen“, die eine Gefährdung für die Heimat vieler Völker darstellen?

Ja, das ist richtig. Wir sprechen ja meistens in diesem Zusammenhang immer von staatlichen Eingriffen, Kriegen und dergleichen, aber im privaten Bereich haben wir ebenfalls diese Usurpatoren, diese Inversoren, die eben mit Kapital und zum Teil auch Korruption in andere Gemeinschaften einbrechen und die Heimat dort gefährden, zerstören bzw. die Menschen von ihren Landstrichen verdrängen, weil sie gebraucht werden für Massenproduktion der internationalen Corporations usw. Das kennen wir, es gibt ja viele Konfliktpunkte auf dem Gebiet und ich glaube, das muss man auch anpacken und muss zu internationalen Abkommen finden, die diese Eingriffe begrenzen und hier für die Bevölkerung überall in der Welt das Recht auf Heimat etablieren und schützen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 5/2012.

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