„Wintertochter“: Film gegen Geschichtsvergessenheit

Am Heiligen Abend erfährt die 12 Jahre alte Kattaka durch einen unerwarteten Anruf, dass ihr „Papa“ nicht ihr leiblicher Vater ist, sondern sie das Kind aus einer Beziehung ihrer Mutter zur Wendezeit mit einem sowjetischen Besatzungssoldat ist. Dieser – inzwischen als Schiffsingenieur tätig – ist eben mit seinem Schiff in Stettin vor Anker gegangen. Kattaka beschließt, gemeinsam mit ihrem Schulfreund und einer 75jährigen Nachbarin ihren Vater zu suchen; ein Vorhaben, das sie letztlich nach Danzig führt, wo sie ihren Vater trifft. Doch ist Kattaka nicht die einzige Suchende in dieser Geschichte; auch wenn sich Lene, die Nachbarin, zunächst dagegen sträubt, ist auch sie auf der Suche – und zwar nach Ihrer eigenen Kindheit, in der sie aus Ostpreußen über Danzig in die spätere SBZ fliehen musste: Auf dem Gutsgelände des Hofes, auf dem sie aufwuchs, findet sie in einem Geheimversteck aus Kinderjahren das letzte erhaltene Foto ihrer Mutter.

Das ist die Geschichte des Filmes „Wintertochter“ von Johannes Schmid, der zur Jahreswende in den deutschen Kinos zu sehen war. Es fällt schwer, ihn einer Kategorie zuzuordnen: Sicherlich als Kinderfilm konzipiert, ist er doch für Erwachsene mindestens gleichermaßen eine Bereicherung. Dies kommt vor allem daher, dass er gleich mehrfach an historische schwerwiegende Ereignisse des 20. Jahrhunderts anknüpft: durch Kattakas Biographie, die geprägt ist durch die Folgen, die sowjetische Besatzung bzw. deren Ende mit sich brachten; den alte Wirt des Gasthauses „Zur Fledermaus“, in dem die Suchenden in Danzig wohnen, der nach dem zweiten Weltkrieg als aus Lemberg vertriebener Pole in die Freie Stadt kam; Lene, deren Vertreibungsschicksal sie – bisher unverarbeitet – stets begleitet; die polnische Bäuerin, die sie nach einem Autounfall aufnimmt und gezeichnet ist durch die Gewalt, die sie als Zwangsarbeiterin im Zweiten Weltkrieg erlitt.

Ein Verdienst des Filmes ist, dass er diese großen Themen des 20. Jahrhunderts auf Einzelfälle „herunterbricht“ ohne zu verharmlosen oder den Zuschauer – auch den jüngeren – zu überfordern und vor allem der Versuchung erfolgreich widersteht, die vertretenen Opfergruppen in Konkurrenz zueinander zu stellen bzw. zu hierarchisieren. Dadurch steht jedes der angesprochenen Leiden in seiner spezifischen Art für sich und kann als Unrecht wahrgenommen werden. Insofern ist der Film nicht nur künstlerisch, sondern eben auch pädagogisch hochwertig, da er treffliche Anschlüsse bietet, Kinder, aber auch ältere Zuschauer – denn auch bei solchen ist bisweilen noch einiges an ‘Grundlagenarbeit’ gegen die Geschichtsvergessenheit zu leisten – an die historischen Problemstellungen der deutsch-polnischen Geschichte heranzuführen.

Der Film ist für 20,99€ auf DVD erhältlich.

Tilman Asmus Fischer
Erschienen in „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 2/2012.

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