Heimat, aber welche?

Mit Recht betont Robert Habeck den funktionalen politischen Wert, den Heimat in sich birgt, gerade auch für die ökologische und soziale Gestaltung unserer Umwelt – dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass Heimat mehr ist als ein wichtiger Faktor politischer Kalkulation, dass Heimat für sich einen Eigenwert besitzt. Dieser spiegelt sich in den Worten von Margarete Bause (Fraktionsvorsitzende der Grünen in den Bayerischen Landtag) wieder: „Heimat ist nicht etwas, in das du hineingeboren wirst und das immer so bleibt. Sondern Heimat ist das, wo es mir nicht egal ist, was um mich herum passiert. Wo ich mir mein Umfeld gestalte.“[1] Heimat ist Gabe und Auftrag für den Menschen zugleich: Jedem Menschen ist das Recht gegeben, sich zu einer Heimat zu bekennen, für die Verantwortung zu übernehmen er sich dann aufgefordert fühlen darf. Erst hier setzt Politik an und nutzt Heimat als Argument, „damit wir alle Verantwortung übernehmen“[2].

Ein solches Recht auf Heimat darf jedoch nicht totalitär als Pflicht zur Heimat verstanden werden, sondern impliziert vielmehr ein freies Bekenntnis, das jeder Mensch wahrnehmen und individuell ausfüllen kann. Hieraus folgt, dass die von Volkan Semih Inak vertretene Position „Ich brauche keine ‚Heimat'“[3] durchaus nicht im Widerspruch dazu steht, dass sich andere Mitmenschen zur schleswig-holsteinischen oder einer anderen Heimat bekennen – folglich dürfte das exkludierende Moment einer solchen Differenz eigentlich nicht so schwerwiegend ausfallen, wie befürchtet. Dies geht einher mit der Tatsache, dass ohnehin die „Menschen […] unter Heimat nicht ein und dasselbe [verstehen]“[4], was jedoch dem Heimat-Konzept an sich keinen Abbruch tut, sondern lediglich seinen Facettenreichtum betont. Dabei zeichnet es sich freilich nicht ab, dass mittelfristig oder sogar langfristig eine Situation zu erwarten ist, in der so viele Menschen die Position von Herrn Inak teilen oder die abstrakten strukturellen Auffassungen von Heimat derart differieren, dass nicht ein apriorischer Konsens über „Heimat“ in der täglichen sozialen Interaktion bestünde.

Wenn das Phänomen „Heimat“ möglichst facettenreich und umfassend erschlossen werden soll, um sich dem Heimatbegriff mit dem Ziel eines programmatischen Beitrags für die schleswig-holsteinischen Grünen zu nähern, ist es sicherlich zunächst relevant, zu fragen, was Heimat als die natürliche, kulturelle und soziale Umwelt bedeutet, in der man lebt, welche Faktoren Heimat definieren und determinieren. Zumindest an zweiter Stelle muss man jedoch auch den Bevölkerungsgruppen Beachtung schenken, die sich vielleicht in Schleswig-Holstein eine ’neue Heimat‘ erarbeitet haben, auf jeden Fall jedoch dort leben, nachdem sie zuvor eine Umwelt, die ihnen Heimat war und womöglich noch ist, freiwillig oder unter Zwang verlassen mussten – hier denke ich neben den Menschen, die auf Grund von Migrationsbewegungen nach und nach in die Bundesrepublik kamen und nun zum kulturellen Reichtum unseres Landes beitragen, vor allem an die in Folge des Zweiten Weltkriegs umgesiedelten, geflüchteten, vertriebenen und spätausgesiedelten Deutschen aus Ostmittel- und Südosteuropa; 1950 machten sie in Schleswig-Holstein alleine 33,2% der Gesamtbevölkerung aus.

Für eine Politik, die ihnen gerecht wird, gibt es sicherlich keine Patentrezepte, jedoch darf zweierlei nicht eintreten sowohl im historischen Rückblick, als auch im Umgang mit tagesaktuellen Fragestellungen: Zum einen ‚Problembeseitigung‘ durch Ignoranz, zum anderen die zynische Erwartung einer schnellen und definitiven Entscheidung der Menschen für die eine oder andere Heimat bzw. einer klaren Selbstverortung von jetzt auf gleich. Ebenso wird man sich von der idealistischen Vorstellung lossagen müssen, der Staat sei in der Lage, allumfassend über den Verlauf von, für solche Entscheidungen mit ausschlaggebenden, Kulturationsprozessen zu entscheiden. Hierfür sind diese zu komplex, sodass er – und diese Aufgabe wiederum sollte wahrgenommen werden – lediglich ihre Allgemeinverträglichkeit versuchen kann zu gewähren. Unentschiedenheit, was nun als eigene Heimat zu bezeichnen sei, die Empfindung, sich zwei (oder sogar mehr) Regionen heimatlich zugehörig zu führen, und letztlich auch das Bekenntnis zu einer Heimat jenseits des Lebensumfeldes (z. B. Schleswig-Holstein) sind Existenzformen die wahrzunehmen und auf die einzugehen ist, gleichwertig zu einem Bekenntnis zur schleswig-holsteinischen Heimat.

Innerhalb der berechtigten Rücksichtnahme auf immigrierte Bevölkerungsgruppen besteht eine besondere Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland gegenüber den deutschen Heimatvertriebenen und ihrem kulturellen Erbe. Dieser Verantwortung gerecht zu werden, sollte als mehr als nur ein fiskalpolitischer Klotz am Bein der Kommune, des Landes oder des Bundes begriffen werden: Wie auch immer die aktuelle europäische Krise sich weiterentwickelt, wird sicherlich innerhalb der EU das regionale neben dem super- und supranationalen Element an Bedeutung gewinnen. Und gerade auf dieser politischen Ebene schöpft die Bundesrepublik bereits Gewinne durch ‚ihre‘ Vertriebenen, die nämlich jenseits aller ‚großen‘ Politik Brückenbauer zu unseren osteuropäischen Nachbarn sind und damit letztlich interregionale Netzwerke vorantreiben zwischen ihren ‚alten‘ und ’neuen‘ Heimatregionen. Begünstigt wird diese Situation dadurch, dass die heute in den Vertreibungsgebieten lebenden Menschen ein großes und weiter wachsendes Interesse an der deutschen bzw. multiethnischen Vergangenheit ihrer Städte und Dörfer haben und den Kontakt zu den vormaligen Bewohnern suchen, was diese positiv und dankbar erwidern.

Warum jedoch, mag mancher zynisch fragen, Rücksichtnahme gegenüber deutschen Vertriebenen, deren ‚Problem‘ sich ohnehin in den nächsten Jahren biologisch ‚löst‘? Dass dem so ist, ist nämlich gar nicht ausgemacht. Sicherlich: Aus Perspektive der Demographie und des Wählerpotentials werden die deutschen Vertriebenen nicht einstige politische ‚Macht‘ wiedererlangen. Und auch dies: Die in ihrem und ihrer Nachkommen Klientel auftretenden Identitäten wandeln sich und verlieren an Geschlossenheit. Dabei bietet jedoch gerade die anfangs zitierte Heimat-Definition von Margarete Bause den zentralen Ansatz, der bereits heute Realität ist, jedoch durchaus in der Öffentlichkeitsarbeit der Vertriebenenverbände noch stärkere Betonung finden könnte: Man muss nicht in der Heimat bzw. einer Landschaft, die für einen heimatliche Bedeutung hat geboren sein und man muss sie vor allem auch nicht zwingend besitzen, denn: „Heimat ist das, wo es mir nicht egal ist, was um mich herum passiert.“ Heißt: Erwirbt man die Heimat nicht per Geburt oder materiellen Besitz, sondern dadurch, dass man sie sich durch Engagement aneignet, wird die Heimat der deutschen Vertriebenen auch noch (einigen von) den Vertretern künftiger Generationen Heimat oder zumindest von heimatlicher Bedeutung sein können, da man nicht verbittert auf das Verlorene zurück schaut, sondern sich mit Blick in die Zukunft über Grenzen hinweg interessiert und engagiert. Daher will ich ein großes Fragezeichen hinter die Prophezeiung der ‚biologischen Lösung‘ machen. Abgesehen davon, dass sie nicht wünschenswert wäre, denn: Alleine die zahlreichen inzwischen entstandenen Städtepartnerschaften zwischen bundesdeutschen und osteuropäischen Städten sind nur ein Hinweis darauf, in welchem Maße Deutschland und Europa vom Heimatbezug der Vertriebenen profitieren.

In diesem Sinne, bin ich der festen Hoffnung, ist es möglich und fruchtbar, auch deutsche Heimatvertriebene in den neuen aussichtsreichen grünen Heimat-Diskurs einzubeziehen und verbands- bzw. parteipolitische Hürden zu überwinden, die oft unnötig dem offenen Wort im Wege stehen.

Tilman Asmus Fischer, Berlin, den 22. Januar 2012

[1] Sebastian Puschner (im Gespräch mit Margarete Bause):“Heimat hatte immer etwas Ausgrenzendes“, in: derFreitag, 2/2012, S. 23.
[2] Habeck, Robert: Heimat reloaded, in: grüne welle 1/2010, S. 5.
[3] Volkan Semih Inak: Ich brauche keine „Heimat“, in: grüne welle 1/2010, S. 4.
[4] Ebd.

Ein Beitrag zur Onlinedebatte zum Thema „Heimat“ von „grüne welle. das magazin für grüne politik in schleswig-holstein“.
Quelle: http://www.sh.gruene-partei.de/cms/default/dok/402/402160.heimatbeitrag_tilman_asmus_fischer.htm

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