Die Entstehung der Idee von der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat: Die Rolle Edvard Beneš‘

Von Prof. Dr. Alfred de Zayas, aus dem Englischen von Tilman Asmus Fischer (im Januar 2010)

Am 9. Februar 1940 konstatierte Churchill: „Wir stehen jeder Bestrebung von außen entgegen, Deutschland zu zerschlagen. Wir begehren nicht die Erniedrigung oder Zerstückelung Ihres Landes. Wir wünschen rückhaltlos, Sie unverzüglich in der friedlichen Gemeinschaft der zivilisierten Nationen zu empfangen.“[1]

Am 14. August 1941 proklamierten Premierminister Churchill und Präsident Roosevelt zum Abschluss der Atlantikkonferenz die Atlantik-Charta, in der sie einer „Vergrößerung, territorial oder sonstig“ entsagten und eine Verpflichtung annahmen, „territoriale Änderungen, die nicht dem frei ausgedrückten Wunsch der betroffenen Völker entsprechen“[2] abzulehnen. Diese weithin gepriesene Deklaration repräsentierte das Bestreben, einen höheren Standard an internationaler Sittlichkeit, basierend auf dem Prinzip gleicher Rechte und der Selbstbestimmung der Völker, zu fixieren. Sie wurde nachträglich durch Vertreter der Regierungen der Sowjetunion und der Exilregierungen der Tschechoslowakei und Polens am 24. September 1941 in London als gemeinsame Kriegs- und Friedenspolitik bestätigt.

Folglich hatte Edvard Beneš einen steinigen Weg zu gehen, um Unterstützer für sein Vertreibungsprogramm zu finden, das er in Folge seiner persönlichen Demütigung bei der Münchner Konferenz in September 1938 entworfen hatte. Der erste Schritt zur Erlangung alliierter Billigung für sein Programm großangelegter Plünderung von Grundbesitz und privatem Eigentum im Wert mehrerer Milliarden Dollar war es, die Schuld den Opfern zuzuschieben. Die zu vertreibenden Personen mussten als unmoralisch und einer solchen Behandlung ‘würdig’ gebrandmarkt werden. Eine der besten Möglichkeiten hierfür war, Ursache und Wirkung zu ignorieren und eine Argumentation zu konstruieren, die die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei als illoyal anklagte, ungeachtet der Tatsache, dass das tschechische politische Establishment zwei Jahrzehnte lang seine dreieinhalb Millionen ethnischen Deutschen systematisch diskriminiert hatte.

Mit dem Ziel, die Vertreibung der Deutschen zu rechtfertigen, nahm er immer wieder auf diese als Verräter Bezug: „Wir müssen uns dieser Deutschen entledigen, die 1939 einen Dolch in den Rücken des tschechoslowakischen States stießen.“ Hiermit bezog sich Beneš auf das Münchner Abkommen von 1938. Er versäumte anzuführen, dass dieses Abkommen, wie auch immer, ein direktes Ergebnis des Fehlers der Tschechoslowakei war, seinen ethnischen Deutschen wirkliche Gleichberechtigung zu gewähren, wie es sich in einer dauerhaften Struktur der Diskriminierung in allen Bereichen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens wiederspiegelt, was eine Verletzung der Minderheitenrechtsverträge darstellt, die bei der Pariser Friedenskonferenz 1919 unterzeichnet worden waren. Konkret gesagt, war das Münchner Abkommen ein Ergebnis Beneš‘ eigener Rücksichtslosigkeit in den 1930erjahren, die viele loyale Sudetendeutsche in das Lager Konrad Henleins und seiner Sudetendeutschen Partei und im Laufe der Entwicklung Konrad Henlein in Hitlers Arme trieb, da Beneš den Deutschen lediglich zweitklassige Bürgerrechte in seiner sehr tschechischen Tschechoslowakei zubilligte.

Arnold Toynbee schrieb 1937 im Economist in Bezug auf eine Reise in die Tschechoslowakei lange vor dem Münchner Abkommen:

„Die Wahrheit ist, dass selbst die aufrichtigste und alteingesessenste demokratische Lebensweise äußerst kompliziert anzuwenden ist, wenn man es mit einer Minderheit zu tun hat, die nicht unter Fremdherrschaft leben will. Wir wissen selbst sehr gut, dass wir selbst niemals fähig waren, unsere eigene britische Art von Demokratie auf unser Bestreben anzuwenden, die Iren zu regieren. Und in der Tschechoslowakei sind heute die Methoden, mit denen die Tschechen die Oberhand über die Deutschen behalten, nicht demokratisch…“[3]

Nach Toynbee war es Lord Runciman, der in die Tschechoslowakei reiste und der britischen Regierung Bericht erstattete:

„Tschechische Beamte und tschechische Polizisten, die wenig oder kein Deutsch sprechen, wurden in großer Zahl in rein deutsche Distrikte berufen; tschechische Agrarkolonisten wurden angespornt, sich auf gemäß der Bodenreform konfisziertem Land in mitten der deutschen Bevölkerung niederzulassen; für die Kinder dieser tschechischen Eindringlinge wurden tschechische Schulen in großer Zahl gebaut; es besteht die sehr allgemeine Meinung, dass tschechische Firmen im Gegensatz zu deutschen Firmen bei der Vergabe von Staatsaufträgen bevorzugt wurden und dass der Staat Arbeit und Fürsorge für Tschechen leichter als für Deutsche bereitstellt. Ich halte diese Beschwerden für im Großen gerechtfertigt. Selbst noch zur Zeit meiner Mission, konnte ich keine Bereitschaft seitens der tschechoslowakischen Regierung entdecken, sie in nichts als dem angemessenen Ausmaß zu beheben… Das Gefühl unter den Sudetendeutschen war bis vor circa drei oder vier Jahren das der Hoffnungslosigkeit. Aber der Aufstieg Nazideutschlands gab ihnen neue Hoffnung. Ich sehe ihre Hinwendung zu ihren Angehörigen um Hilfe und ihren eventuellen Wunsch, sich mit dem Reich zu vereinigen, unter den Gegebenheiten als natürliche Entwicklung an.“[4]

Daher verursachte Beneš selber, als er noch 1937 und 1938 jeden Kompromiss für eine Autonomie der Sudetendeutschen ablehnte, die vollständige Abspaltung der sudetendeutschen Gebiete durch das Münchner Abkommen, das sowohl Großbritannien als auch Frankreich zu dieser Zeit für fair befanden.

In einem Brief an den amerikanischen Außenminister, Cordell Hull, vom 14. September 1938, berichtet der amerikanische Botschafter in Frankreich, William Bullit:

„Während der letzten Tage veröffentlichten die französischen Zeitungen viele Karten, die die Rassenverteilung in der Tschechoslowakei zeigen… Die öffentliche Meinung hat die Haltung entwickelt, »Warum sollten wir die gesamte Jugend Frankreichs vernichten und den europäischen Kontinent zerstören zum Zweck, die Vorherrschaft von 7 Mio. Tschechen über 3,2 Mio. Deutschen aufrechtzuerhalten?«“[5]

Bullit schloss seinen Brief sarkastisch:

„Angesichts der wachsenden Meinung unter den Franzosen und den Briten, dass sich Beneš im tiefsten Herzen entschieden hat, eher einen allgemeinen europäischen Krieg zu provozieren als eine restlose Autonomie für die unterworfenen Nationalitäten der Tschechoslowakei zu akzeptieren, wird unbestreitbarer Weise heftiger Druck auf Prag ausgeübt werden…“[6]

Eine gleichartige Mitteilung wurde von Joseph Kennedy, amerikanischer Botschafter in Großbritannien, an Cordell Hull gesandt, in der Kennedy Premierminister Chamberlain mit den Worten zitiert: „Für mich hat es weder Hand noch Fuß, für eine Sache zu kämpfen, die ich, wenn ich für sie in den Krieg ziehe, nachdem es abgetan ist, in etwa gleich so beseitigen müsste, wie ich es jetzt empfehle.“[7] Im gleichen Sinne sprach Arnold Toynbee von einem vorherrschenden „Gefühl akuten moralischem Unbehagens“ bei der Aussicht eines „Kampfes für die Machtbalance unter Missachtung des Nationalitätenprinzips.“[8]

Im Licht dieser und vieler unanfechtbarer Aussagen und schriftlicher Quellen ist es nichts als eklatante Heuchelei seitens der Briten und Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg, das Münchner Abkommen als ungerecht und sogar illegal zu verleugnen. Das Münchner Abkommen bot im September 1938, wenn nicht die beste, so immerhin eine haltbare Lösung, die von allen erwünscht und unterstützt wurde, außer von Beneš selbst. Durch die getroffenen Regelungen wurde etwa 3 Mio. Deutschen, die in den betroffenen Gebieten lebten, erlaubt, sich von der Tschechoslowakei loszusagen und sich mit Deutschland zu vereinen, während etwa 500.000 Deutsche noch innerhalb der Grenzen des verkleinerten tschechoslowakischen Staates verblieben. Dies verursachte gewiss einen ökonomischen Verlust für die Tschechoslowakei, war aber im Wesentlichen das, was die Sudetendeutschen im Namen der Selbstbestimmung seit November 1918 gefordert hatten, und korrespondierte mit den Empfehlungen der amerikanischen Kommission unter Harvard-Professor Archibald Coolidge, die zwar diskutiert jedoch nicht von der Pariser Friedenskonferenz 1919 angenommen worden waren.[9]

Das Münchner Abkommen kostete Beneš seinen Job in Prag und als Exilpolitiker in London hatte er bereits im Dezember 1938 begonnen, darüber nachzudenken, wie das Münchner Abkommen annulliert und Land wie der Besitz der Sudetendeutschen einbehalten werden könne, ohne ärgerlicher Weise ihre legitimen Rechte und Interessen berücksichtigen zu müssen. So startete er eine Desinformationskampagne gegen die Sudetendeutschen, die wie auch immer keinen Effekt hatte, außer für die Wendung, die den Ereignissen folgten, für die die Sudetendeutschen keine Verantwortung hatten: Hitlers Einfall in die sog. „Resttschechei“ am 15. März 1939 und sein größenwahnsinniger Kampf um die Weltherrschaft im Zweiten Weltkrieg. Folglich waren es die Sudetendeutschen und die Deutschen aus den deutschen Provinzen östlich von Oder und Neisse, die die Rechnung für Hitlers Verbrechen zahlen mussten.

Zuerst musste Beneš selbstverständlich mit dem Pianopedal spielen und Schritt für Schritt die Idee der Bevölkerungsumsiedlungen als Maßnahme der Friedenswahrung nach der erwarteten Niederlage Nazideutschlands verkaufen. Sein erstes Ziel war hierbei die politische Elite Britanniens. Im September 1941 schrieb er, „Ich akzeptiere das Prinzip des Bevölkerungstransfers… Wenn das Problem sorgfältig geprüft und umfangreiche Maßnahmen zur rechten Zeit angewendet werden, können die Transfers einvernehmlich, unter internationales Kontrolle und internationaler Betreuung, durchgeführt werden.“[10] Auf Basis dieser eher utopischen Schilderungen informierte der britische Außenminister, Anthony Eden, Beneš schon im Juli 1942, dass „seine Kollegenschaft dem Prinzip der Transfers zustimmt.“[11] Eine Entscheidung des britischen Kabinetts, dass es keine Bednken gegen die Transfers der Sudetendeutschen habe, wurde kurz darauf Beneš übermittelt[12] Die sowjetische[13] und die amerikanische[14] Zustimmung folgten im Juni 1943. Und der anfängliche Vorschlag, eine begrenzte Anzahl deutscher „Täter“ umzusiedeln entwickelte sich zu einem maximalistischen Vertreibungssyndrom, dass lediglich aus ethnischen Gründen die gänzliche sudetendeutsche Bevölkerung betraf, eingeschlossen der deutschen Sozialdemokraten und anderer Nazigegner.

Folglich ist es Beneš, der die Verantwortlichkeit für die Dynamik trägt, die nicht nur zur Vertreibung der 3,5 Mio. Deutschen aus dem Sudetenland, sondern ebenso zur Vertreibung der 10 Mio. Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Ostbrandenburg und aus dem Vorkriegspolen, sowie auch weiterer anderthalb Mio. Deutschen aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien führte. War einmal das Prinzip der „Bevölkerungsumsiedlung“ akzeptiert, waren Tür und Tor offen für die ethnische Säuberung an den Deutschen.

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die deutschsprachige Übersetzung des Kapitels „The Genesis of the Idea of Expelling the Germans from Their Homelands: The Role of Eduard Beneš“ aus dem Aufsatz „Anglo-American Responsibility for the Expulsion of the Germans, 1944-48“, erschienen in:
Vardy/Tooley
Ethnic Cleansing in 20th Century Europe

[1] Mr. Stokes zitiert dieses Statement von Premierminister Churchill im Zude der Debatte im House of Commons am 23. Februar 1944; Parliamentary Debates, Commons, vol. 397, cols. 901-02.

[2] United States, Executive Agreement, Series 236:4; Department of State, Bulletin, V, S. 125.

[3] The Economist, 10 July 1937, S. 72.

[4] Documents on British Foreign Policy, 1919-1939, vol. 2, no. 3, 50.

[5] Foreign Relations of the United States, 1938, vol. 1: 595.

[6] ebd., 596.

[7] ebd., 622.

[8] A. Toynbee, “A Turning Point in History,” Foreign Affairs (January 1939): 316.

[9] Papers Relating to the Foreign Relations of the United States–The Paris Peace Conference, 1919, vol. 12, 273.

[10] Eduard Beneš, „The New Order in Europe,“ Nineteenth Century and After 130 (1941): 154.

[11] Brief des britischen Außenministeriums an to Rudolf Storch (Deutscher sozialdemokratischer Führer im Londoner Exil), Der Sudetendeutsche, 29 October 1955, S. 1

[12] Eduard Beneš, Memoirs of Dr. Eduard Beneš: From Munich to New War and New Victory (London, 1954), 207.

[13] ebd., 222.

[14] ebd., 195, 223.

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